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Als den gelehrten Astronomen ich hörte

 
Der erste Beitrag in de tempore ist einem meiner Lieblingsgedichte des amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819 – 1892) gewidmet: When I heard the Learn’d Astronomer (deutsch: Als den gelehrten Astronomen ich hörte). In diesem Beitrag setze ich mich zugleich allerdings auch mit der Problematik auseinander, wie schwierig und verzwickt es sein kann, ein Gedicht zu übersetzen, besonders wenn die Wahl zwischen Werktreue (also möglichst wortgemäße Übersetzung) und Nachdichtung (die freiere Variante, die dann allerdings den spirit des Gedichts erst recht einfangen und wiedergeben können sollte) zu treffen ist.
 

Walt Whitman
Im Jahre 1855 brachte Walt Whitman die allererste Ausgabe seines Gedichtbandes Leaves of grass heraus. Sie enthielt 12 unbetitelte Gedichte und war nicht einmal 100 Seiten stark. Deutsche Ausgaben behelfen sich mit dem Titel Grashalme, was zwar nicht falsch ist, jedoch das Wortspiel dahinter unberücksichtigt läßt. Grass war zu seiner Zeit nämlich auch ein Synonym für von minderem Wert, und Leaves waren schlicht das Papier, welches bedruckt wurde. Der Umstand, daß Natur gegenüber der Kultur stets als gering erachtet wird, ist ihm also direkt zu Beginn seines dichterischen Schaffens bereits ein Wortspiel wert.
 
When I heard the Learn’d Astronomer (1865) wurde erstmals 1867 aufgenommen, in die vierte Auflage. Das Gedicht ist Bestandteil des Zyklus By the Roadside und wurde von Whitman hinter den Thoughts und vor den Perfections eingeordnet. Ob dies nun mehr oder weniger bedeutsam ist, mag dahingestellt sein, doch immerhin hat Walt Whitman bei der Authorisierung der letzten (laut Whitman auch abschließenden) Ausgabe kurz vor seinem Tod 1892 eine endgültige und definitive Reihenfolge seiner Gedichte festgelegt.
 
Bevor ich in medias res gehe hier nun ersteinmal das Gedicht im Original:

 

When I heard the Learn’d Astronomer

When I heard the learn’d astronomer
When the proofs, the figures, were ranged in columns before me,
When I was shown the charts and diagrams, to add, divide, and measure them,
When I sitting heard the astronomer where he lectured with much applause in the lecture-room,
How soon unaccountable I became tired and sick,
Till rising and gliding out I wander’d off by myself,
In the mystical moist night-air, and from time to time,
Look’d up in perfect silence at the stars.

 

Ein recht eindeutiges, leicht zu interpretierendes und somit einfach zu übersetzendes Gedicht, will mensch meinen auf den ersten Blick. Doch dem ist ganz und gar nicht so. Mir jedenfalls ist bis heute keine Übersetzung untergekommen, mit der ich zu 100% zufrieden wäre. Leider habe ich sogar recht häufig Übersetzungen lesen müssen, die durchaus an Mängeln des sprachlichen Feingefühls kranken und mitunter sogar grauselig sind.
 
Fangen wir ruhig direkt mit der ersten Zeile an: Als ich dem gelehrten Astronomen zuhörte wäre natürlich die wortgetreue Übersetzung; aber mal ganz im Ernst: es geht hier um ein Gedicht, nicht um den Einstiegssatz in eine Reportage. Und es geht weniger ums Zu-Hören, sondern eher um den Lärm des Redeschwalls, der beweist, vorrechnet, mißt und wiegt und doch die eigentliche Essenz dessen, worüber er referiert, nicht einmal antastet, wie in den nachfolgenden Zeilen deutlich gemacht wird. Im Übrigen bin ich der Überzeugung, daß Whitman das Wort „listen“ benutzt hätte, wäre es ums Zuhören gegangen.
 
In den nächsten Zeilen bedient sich Walt Whitman denn auch konsequent genau der gleichen langweiligen, exakten und belanglos-ermüdenden Aufzählungsweise, wie sie ihm höchstwahrscheinlich von dem Gelehrten zugemutet wurde – und das ist gewiß kein Zufall!
Der gelehrte Astronom traktiert seine Hörer also mit Beweisen / Belegen, mit Zahlen / Ziffern / Summen, die in (endlosen) Reihen / Aufreihungen heruntergebetet werden. Dazu zeigt er Schaubilder, Diagramme, grafische Darstellungen (alles Abstrakta), anhand derer dann addiert, dividiert und die Zahlen, Daten, Fakten miteinander abgeglichen und bewertet werden…
 
Wie bezifferbar ist Überdruß?
 
Also, mich wundert es nicht, daß Walt Whitman daraufhin sehr bald dieser ganzen Angelegenheit müde und überdrüssig wird und sich den Hinweis nicht verkneifen kann, daß der gelehrte Astronom beim Dozieren im Hörsaal auch noch mit Applaus bedacht (also über den grünen Klee gelobt) wird – aus der Sicht von Whitman sicher unverständlicherweise.
 
Die Frage ist, wie mensch nun How soon unaccountable I became tired and sick übersetzt. Ich kann „sick“ durchaus mit „krank“ übersetzen, ich kann mich jedoch ebensogut für „überdrüssig“ entscheiden; „unaccountable“ kann ich natürlich in diesem Zusammenhang mit „unsagbar“, „unerklärlich“ oder auch „sonderbar“ übersetzen – die schlechteste aller Möglichkeiten (wenn wohl auch die wörtlichste), wäre in diesem Fall „unbezifferbar“.
 
Letztere habe ich tatsächlich schon als Übersetzung gelesen. Das Problem liegt natürlich darin begründet, daß Whitman dem „Berechenbaren“ etwas eben „nicht berechenbares“, und der „ratio“, dem Intellekt, dem Kopf - ein Gefühl, eine Empfindung, meinetwegen „irrationales“ entgegensetzt. Deutlicher kann eine Diskrepanz nicht zum Ausdruck gebracht werden.
 
Trotzdem ist „unbezifferbar“ nicht die gelungenste Wahl, da trifft „sonderbar“ wohl am ehesten die Intention des Dichters, zum einen vom Klang her, zum anderen, weil es eben „vage“, nicht dingfest zu machen ist, was ihn da ergreift – zugleich wird damit bereits übergeleitet zum abschließenden Teil des Gedichts, wenn man so will, zur Rettung, zum Lebendigen, zum Empfinden, zum „Mystischen“, zur intuitiven Schau, kurz: zu dem, was wirklich zählt(!).
 
Und schon haben wir das nächste Problem (wenn es denn überhaupt relevant sein sollte): Till rising and gliding out I wander’d off by myself - was genau passiert da jetzt eigentlich mit dem Erzähler? Ich finde, es ist keineswegs eindeutig, ob Whitman sich tatsächlich von seinem Platz erhebt und den Saal verläßt oder ob er den müden, wahrscheinlich in sich zusammengesunkenen, Körper „verläßt“ und sich rein seelisch und geistig auf die Reise / Wanderschaft begibt, sich also mental einfach abseilt. Andererseits: ist das wirklich wichtig?
 
Wesentlicher ist doch sicher, wohin er sich begibt. Und da läßt er keine Zweifel: Hinaus in die mystische feuchte Nacht(luft), um von Zeit zu Zeit in aller Stille seinen Blick hinauf zu den Sternen zu richten. Wer einmal des Nachts in absoluter Stille – ganz mit sich, und ohne derweil Gedanken zu wälzen – spazieren gegangen ist, wird leicht nachempfinden können, was das für ein Gefühl ist.
 
Ganzheitlichkeit versus Teilbarkeit
 
Es ist Balsam für die Seele, es hat etwas Erhabenes, etwas Weihevolles, und ist doch zugleich das Natürlichste auf der Welt (das mag vielen Menschen bedauerlicherweise in der heutigen Zeit abhanden gekommen sein). Es sind die Momente, wo mensch in sich selbst ruht und sich zugleich als Teil von etwas Größerem begreift – nicht abgeteilt, abgeschnitten, sondern ganzheitlich. Auch hier der krasse Gegensatz zum Addieren, Teilen, Messen, Vergleichen, der isolierenden Betrachtungsweise von Details und Abstraktionen.
 
Die, bei Whitman zudem noch besonders betonte, perfekte / vollendete / absolute Stille (Look’d up in perfect silence at the stars) bildet den finalen Gegensatz zum „Redelärm“ des Astronomen, der (natürlich) im Hörsaal – und nicht etwa unter freiem Himmel mit Blick zu den Sternen – referiert.
 
Ein großer Semantiker hat einmal darauf aufmerksam gemacht, daß die Landkarte nicht mit dem Land verwechselt werden dürfe – Whitman zeigt uns (nicht nur) mit diesem Gedicht den eklatanten Unterschied auf zwischen Landkarte [gelehrter Astronom, der über Sterne referiert] und Land [die Sterne selbst].
 
Wenn ich das nun alles erfaßt und verinnerlicht habe, zugleich nachempfinden kann, was in Walt Whitman vorging, „als den gelehrten Astronomen er hörte“, dann kann ich mich ans Werk machen, das Gedicht übersetzen, besser noch: übertragen zu wollen. Fehlen diese Voraussetzungen, dann darf ich es auf keinen Fall!
 
Denn wie heißt es so treffend bei Walt Whitman in dem unmittelbar folgenden

 
Perfections

Only themselves understand themselves and the like of themselves,
As souls only understand souls.

 

Nun, ich habe eingangs gesagt, daß ich mit keiner Übersetzung so ganz und gar zufrieden bin. Allerdings habe ich selbst auch noch keine zuwege gebracht, die mich wirklich durch und durch befriedigt. Was mich jedoch von denen unterscheidet, die es ebenfalls besser hätten bleiben lassen, eine Übersetzung des Gedichts zu veröffentlichen, ist, daß ich es eben bleiben lasse – solange, bis mir wirklich eine perfekte Übertragung gelingt.
 
Bis dahin kann ich sehr gut leben mit jener durchaus guten Übersetzung, von der ich die Überschrift nahm, und zu der ich Sie zum Abschluß dieses Artikels einlade, sie sich ruhig einmal anzuhören.

 

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1 Kommentar

  1. Goethe gechannelt | de tempore:

    [...] zu dominieren, daß ich nahe dran war, geistig zu veröden. Eröffnet wurde mit Walt Whitman und einem meiner Lieblingsgedichte von ihm. Bemerkenswerterweise – es war mir zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewußt – war 2009 [...]

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