Klaatu - berühmt, ohne bekannt zu sein
Die kanadische Band existierte offiziell zwar von 1973 bis 1982, brachte jedoch erst 1976 ihr erstes von fünf regulären Alben heraus. Der letzte Longplayer erschien 1981. Ursprünglich von John Woloschuk und Dee Long geründet, stieß nach kurzer Zeit Terry Draper hinzu. Und in dieser Formation eroberte sich die Gruppe einen festen Platz in der „Progressive Rock“ – Welt, das lag zum einen an ihrem Debut und den Mutmaßungen und Legenden, die sich darum rankten, und zum anderen an ihrem Folgealbum „Hope“, das aus meiner Sicht zu einem der kreativsten und zeitlosesten Konzeptalben überhaupt gehört.
„Hope“ werde ich noch explizit in einem Extra-Beitrag besprechen, in diesem Artikel geht es um die Band selbst, die sonderbaren Vorgänge um sie herum und die damit verbundenen Auswirkungen. Zunächst eine kurze Erläuterung zum ungewöhnlichen Namen der Band: „Klaatu“ ist der Name eines (Film-)Außerirdischen, der die Erde aufsucht, um die Menschheit davon in Kenntnis zu setzen, daß sie kritisch beobachtet wird und mit ihrer Vernichtung rechnen darf, sollte sie ihr aggressives Verhalten auf den Weltraum ausdehnen.
Der Film „The day the Earth stood still“ (deutsch: Der Tag, an dem die Erde stillstand) von 1951 ist einer der ersten ernstzunehmenden US-amerikanischen Science-Fiction-Filme überhaupt, da er sich kritisch mit den möglichen Folgen und Gefahren der Entwicklung atomarer Waffen auseinandersetzt. Mag sein, daß er heutzutage manchem etwas naiv erscheinen mag, doch er ist zu Recht ein Klassiker geworden.
Auf die Neuverfilmung 2008 mit Keanu Reeves in der Rolle des „Klaatu“ möchte ich an dieser Stelle nur insofern eingehen, daß ich diesem dümmlichen Filmchen eine klare Absage erteile und froh darüber bin, daß die Initiative von Dee Long (nachzulesen auf klaatu.org - in englischer Sprache), in diesem Machwerk – sozusagen als Reminiszenz – Musikstücke bzw. musikalische Schnipsel der Band einzubinden, von der Filmfirma ignoriert wurde, denn dies hätte bedeutet, Perlen vor die Säue zu werfen.
Zurück zur Band: auf zwei Singles, noch als Duo, folgten nach dem Einstieg von Terry Draper zwei weitere Single-Veröffentlichungen, die den Weg ins Radio fanden und dafür sorgten, daß die Gruppe in Kanada erste Erfolge verzeichnen konnte. Der Durchbruch erfolgte jedoch erst, als es ihren Produzenten gelang, mit der amerikanischen Plattenfirma Capitol Records 1975 einen Deal abzuschließen, so daß Klaatu auch außerhalb Kanadas bekannt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt lag bereits genug musikalisches Material vor, um bereits ein Jahr später die Debut-LP mit dem Titel „3:47 EST“ veröffentlichen zu können, die allerdings aufgrund eines Mißverständnis in den USA unter dem Titel „Klaatu“ erschien. Erste Besprechungen der LP waren wohlwollend genug, um weitere Aufmerksamkeit zu genießen, die dann allerdings eine merkwürdige Wendung nahm, als einer der Rezensenten das Gerücht aufbrachte, daß sich hinter Klaatu möglicherweise die Beatles verbergen könnten. Besonders der Song „Sub-Rosa Subway“ (in Kanada bereits 1973 relativ unbeachtet als B-Seite der Single „Anus of Uranus“ veröffentlicht) sowie das Fehlen jeglicher biographischer Angaben zu den Musikern nährten das Gerücht.
Und so verbreitete es sich in Windeseile und führte zu den wildesten Spekulationen. Plötzlich wurde jeder einzelne Song auf der LP durch die Mangel gedreht, auch Artwork und Cover der LP wurden auf der Suche nach versteckten Hinweisen auf die „Fab Four“ nicht verschont. Die Folge waren steigende Verkaufszahlen und eine Art Legendenbildung um die Band und dieses Album, was Capitol Records natürlich sehr freute. Die drei Bandmitglieder schwiegen zu all dem und dachten nicht daran, ihre Anonymität preiszugeben und irgendetwas klarzustellen. John Woloschuk sagte dazu später einmal in einem Interview, daß sie naiv gewesen seien und es einfach für eine noble Idee gehalten hätten, anonym bleiben zu wollen, weil ihre Musik für sich sprechen sollte. Um den Hype zur Beatlemania hätten sie sich auch nicht recht gekümmert, da sie zu dieser Zeit bereits an ihrem zweiten Album gearbeitetet hätten, und das nahm nun mal all ihre Zeit, Kraft und Energie in Anspruch.
Mensch mag das nun glauben oder nicht, Fakt ist, daß auch das zweite Album keinerlei Angaben zu den Musikern enthält. Natürlich waren die drei nicht dumm und bekamen sehr wohl mit, daß ihr Album plötzlich erfolgreicher war, als sie sich zuvor hätten träumen lassen, doch zumindest im Interview stellen sie es so dar, daß dieser Erfolg aus ihrer Sicht durchaus ambivalent war, da ja nun genau das Gegenteil von dem eingetreten sei, was sie sich eigentlich erwünscht hatten. Denn das Album war nicht so sehr wegen der Musik derart kommerziell erfolgreich, sondern eher wegen des Verdachts, es könnten die Beatles dahinterstecken.
Ich denke schon, daß ein Vollblutmusiker einen solchen Erfolg mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht. Nun, immerhin führte dieser Erfolg dazu, daß ihnen zur Fertigstellung des zweiten Albums zusätzliches Geld zur Verfügung gestellt und zusätzliche Zeit eingeräumt wurde, was die Band auch nutzte, um ein erstklassiges Konzeptalbum zu verwirklichen. Mich persönlich hat Klaatu damit überzeugt, daß sie es durchaus ernst meinen, wenn sie davon sprechen, daß die Güte der Musik der entscheidende Faktor sein sollte für Erfolg oder Mißerfolg.
Merkwürdigerweise trat jedoch erneut das Gegenteil ein von dem, was sich die Musiker erhofften. „Hope“ ergatterte in Kanada zwar immerhin Platin, doch in den USA und Europa blieb der kommerzielle Erfolg recht deutlich hinter dem ersten Album zurück. Auch die Kritiken waren nicht ganz so wohlwollend. Vielleicht spielte hier bereits schon leise eine Melodie des Neids und einer gewissen Mißgunst hinein, vielleicht waren Kritiker und Hörer jedoch auch einfach überfordert.
Immerhin hatte im gleichen Jahr (1977) eine Cover-Version von „Calling Occupants of Interplanetary Craft“ – dem bekanntesten Stück der ersten LP – durch die „Carpenters“ einen durchschlagenden Erfolg. Den Hinweis auf eine Koinzidenz am Rande möchte ich mir nun auch mal erlauben: der Titel spielt ja nun mal ebenfalls sehr deutlich auf o.g. Film an. Und der Filmheld „Klaatu“ taucht zeitweilig inkognito bei einer Familie unter und benutzt zur Tarnung den Namen „Carpenter“. Carpenter heißt auf gut deutsch Zimmermann.
Und wegen dieses Tarnnamens (sowie des Namens des riesigen Roboters, der „Klaatu“ im Film zur Seite steht: „G.O.R.T“) wurde dem Regisseur sogar unterstellt, er hätte absichtlich Bezüge zur Jesus-Geschichte hergestellt. 1951 war das noch nicht ohne gewisses Risiko, da die Christen da keinen Spaß verstanden. Darum durfte „Klaatu“, der vom Militär getötet und von „G.O.R.T“ wieder ins Leben geholt wurde, auch nur für eine begrenzte Zeit wieder lebendig sein, denn der wahre Herr über Leben und Tod kann eben nun mal nur der Allmächtige sein.
Man möge mir die kleine Abschweifung verzeihen, aber das war jetzt einfach zu verlockend. Doch zurück zur Musik. Das dritte Album lehnte sich wieder eher ans erste an und wurde bereits etwas poppiger. Als Grund dafür führen die Bandmitglieder an, daß sie bei der Arbeit an „Hope“ schon für sich klar hatten, daß man ein solches Konzeptalbum eben nur einmal macht, da man sich sonst nur wiederholen würde.
Ich persönlich bin eher der Überzeugung, daß Capitol Records über das zweite Album nicht so glücklich waren, da sich kaum ein Stück zur Auskoppelung und fürs Radio geeignet hatte – sicher ein weiterer Grund für den zum ersten Album vergleichsweise mäßigen kommerziellen Erfolg – und dementsprechend erwartet wurde, daß die Band beim dritten Album wieder mehr darauf achten sollte, singlefähige Stücke zu schreiben.
Wie dem auch sei, das Album schlug ebenfalls nicht ein. Erschwerend kam nun noch hinzu, daß der Hype um die Beatles-Theorie mittlerweile erheblich abgeflaut war. Dies hatte zur Folge, daß Capitol Records darauf bestanden, daß Klaatu nun endgültig auf die Anonymität verzichten solle. Das tat die Band dann auch, die Resonanz darauf war eher verhalten. Das vierte Album war leider auch musikalisch ein Reinfall, und der Vertrag mit Capitol Records war Geschichte.
1981 schließlich brachte die Band in Kanada noch ein fünftes und letztes Album heraus, doch der internationale Markt blieb weitestgehend verschlossen. Im Frühjahr 1982 stieg Dee Long dann aus der Band aus, John Woloschuk und Terry Draper lösten Klaatu im August des gleichen Jahres auf.
Da es nach wie vor eine Fangemeinde gibt und die Alben von Klaatu zu Beginn dieses Jahrtausends von einem kleinen Label auf CD neu veröffentlicht wurden, fand die Band im Jahr 2005 noch einmal zusammen für ein gemeinsames Konzert auf einem FanKon in Toronto. Eine professionell angedachte Wiedervereinigung bedeutete dies allerdings nicht, da John Woloschuk, der weiter in der Musikbranche tätig ist, die Meinung vertritt, daß er in der Branche entweder als Businessman arbeitet, oder als Musiker, aber nicht beides zugleich sein kann. Für ihn ist Musik eben nur noch ein Hobby.
Klaatu, eine Band, die zwar nicht untypisch für den Progressive Rock der 1970er Jahre ist, in den ersten beiden Alben jedoch teilweise noch dem psychedelischen Touch der späten 1960er frönt, hat sich durchaus einen vorderen Platz verdient in der Riege der Bands, die sich das Wagnis zutrauten, ein Konzeptalbum auf den Markt zu bringen, wohl wissend, daß dies kommerziell nicht ohne Risiko ist, da ein solches Unterfangen in seiner Gesamtheit entweder künstlerisch gelingt oder eben nicht.
Ihr Debut ist einfallsreich, verspielt und versprüht eine Menge Charme. Das Folgealbum „Hope“ kann diese Attribute ebenfalls für sich in Anspruch nehmen, und dazu noch viel mehr - eine ausführliche Besprechung von „Hope“ folgt am übernächsten Samstag (28. Februar) in diesem Blog. Davor, am nächsten Sonntag, folgt aber ersteinmal ein Beitrag zu dem amerikanischen Forscher John C. Lilly.


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Samstag, 28. Februar 2009 um 14:38
[...] kam, gab es eine ganze Menge Leute, die aufgrund der Gerüchte um die Band und ihr Debutalbum [siehe hier] neugierig geworden waren. Wer jedoch hoffte, Aufschluß zu erlangen über die [...]