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Der eigenen Wahrnehmung trauen

 
Dies ist die Fortsetzung des ersten Beitrags „Anregung zum Selberdenken“. Nur kurz und sehr gerafft noch einmal zusammengefaßt ging es im ersten Beitrag darum, daß das Selberdenken Bewußtheit voraussetzt, die mensch sich zunächst einmal erarbeiten muß. Dazu zählen auch die Aufmerksamkeit und Genauigkeit bei der Informationsaufnahme via Wahrnehmung durch die Sinne, verbunden mit Achtsamkeit und einem offenen „mind“. Mensch sollte sich einfach darüber bewußt sein, daß es eine ungefilterte, wertneutrale Aufnahme von Informationen schlicht nicht gibt.
 
SelberdenkenDaher sind Täuschungen oder verzerrende Wahrnehmungsraster stets möglich. Wichtig ist, daß mensch das als gegeben hinnimmt und akzeptieren kann. Dazu benötigt es natürlich zum einen eine gesunde Skepsis gegenüber dem, was gedacht wird, während und nachdem etwas wahrgenommen wird, zum anderen auch die Ehrlichkeit zu sich selbst, daß die eigene Wahrnehmung in der Regel durch eine Art „Realitätstunnel“ gefiltert wird, die im Extremfall dazu führt, daß einfach nicht wahrgenommen wird, was „nicht sein darf“.
 
In abgeschwächter Form führt der „Realitätstunnel“ dazu, daß vorgefaßte Ansichten und Meinungen das Wahrgenommene entweder unzulässig einschränken und beschneiden, oder unzulässig erweitern und ihm unbotmäßige Bedeutungen beimessen. Der verarbeitende Intellekt ist recht geschickt darin, aufgenommene Signale zu werten, zu deuten, zu katalogisieren – an sich ist das nichts Schlechtes; allerdings läuft derartiges bei unbewußten Menschen aufgrund der kaum vorhandenen Bewußtheit mit einer gewissen Fließbandroutine so gut wie automatisiert ab, so daß die Wahrnehmung keinerlei Wert besitzt, da sie nicht dazu genutzt wird, um den Horizont zu erweitern, die eigene Denke zu prüfen, ja überhaupt nicht verarbeitet wird.
 
Bei solchen Menschen ist die Wahrnehmung derart selektiv, daß alles, was nicht ins automatisierte Raster paßt, ignoriert wird. Wenn wider Erwarten doch einmal eine Wahrnehmung durchdringt, die der vorgefaßten Denke „gefährlich“ werden könnte, wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach entweder im Nachhinein zurechtgebogen, umgedeutet oder sogar der Bewußtmachung vorenthalten und schnellstmöglich irgendwo abgelegt und vergessen. Je länger ein Mensch mit „Scheuklappendenke“ herumläuft, desto stärker wird sich seine Wahrnehmungsfähigkeit verengen. Daß das originäre, freie und ungebundene Denken damit sicher nicht gefördert wird versteht sich von selbst.
 
Je massiver die Scheuklappendenke, desto enger der Realitätstunnel
 
Genaugenommen befindet sich nahezu jeder Mensch in einem Realitätstunnel, der sich aus Erziehung, Sozialisation, Ideologie, Erfahrung und Reflektion derselben speist. Auch ich nehme nicht für mich in Anspruch, davon frei zu sein. Doch es gibt äußerst enge Tunnel, und sehr weiträumige. Allein das Zugeständnis, daß mensch sich in der Regel in einem solchen Realitätstunnel befindet ist bereits ein Fortschritt auf dem Wege, das eigene Blickfeld zu erweitern.
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der des Aufmerksamkeitsfokus’. Wer – wie es leider viele Menschen allzu häufig betreiben – mehrere Dinge auf einmal macht, ohne sich auf ein Ding richtig konzentrieren zu können; wer zugleich bunte Bildchen an sich vorbeiflimmern läßt, während die Ohren einer ständigen Berieselung ausgesetzt sind; wer seinen Betrachtungs-Fokus durch vorgefaßte Erwartungshaltung künstlich verengt; der beraubt sich selbst um die Chance, die Möglichkeiten seiner Wahrnehmung zu optimieren.
 
Ich habe Menschen kennengelernt, die bei einem Konzert mit klassischer Musik in ihrem Sitz hocken und mit dem Finger die Partitur entlangfahren. Ich habe Menschen kennengelernt, die während des Filmguckens zwischendurch mehrfach telefonieren. Ich habe Menschen kennengelernt, die während einer regen Diskussion Zeitung lesen und so weiter und so fort. Mir kann niemand weismachen, daß diese Menschen tatsächlich mit all ihren Sinnen bei dem sind, was sie angeblich tun. Verwirrung ist die Folge solcherlei „geteilter Aufmerksamkeit“. Mich nerven solche Menschen, da sie meine Konzentration stören und Kommunikation unnötig erschweren, besonders, wenn sie ihrerseits wie selbstverständlich von ihren Gegenübern „ungeteilte Aufmerksamkeit“ erwarten.
 
Wahrnehmung versus Intellekt?
 
Wenn ich nun schreibe, daß „geschärfte Sinne/Wahrnehmung“ mit „geschärftem Geist“ einhergehen, meine ich damit nicht „Intelligenz“. Denn auch intelligente Menschen verfangen sich allzuleicht im Gestrüpp „übergeordneter“ Gedanken (= Abstrakta, Theorien), die ihnen die Wahrnehmung dessen, was gerade passiert, unnötig erschweren. „Geschärfter Geist“ ist die Fähigkeit, sich zu konzentrieren: entweder auf den Gedanken, oder auf die Wahrnehmung. Von daher ist die Wahrnehmung immer auch eine „Schau“ (visuell, akustisch, sensitiv), die den „Intellekt“ in gewisser Weise stilllegt.
 
Diese Art der Wahrnehmung ist eine meditative, eine absichtslose; eine Art der Wahrnehmung, die nichts erwartet und nichts verlangt, die einfach nur zuläßt, einfließen läßt. Mensch nimmt konzentriert in sich auf, was wahrgenommen wird – und läßt es wirken. Ob dies nun eine Naturbetrachtung ist, ein Musikstück, ein Film, ein Text, der gelesen wird, ein Gespräch, das mit wachen Sinnen verfolgt wird oder sogar das Kribbeln auf der Haut, wenn Wind darüber streicht…
 
Wahrnehmung ist nicht passiv – doch sie ist in jedem Fall „empfangend“. Dies ist insofern bedeutsam, wenn mensch sich in Erinnerung ruft, daß Kommunikation „Sender und Empfänger“ benötigt, und zwar in beide Richtungen. Wer also eingeschränkt wahrnimmt, mit dem ist keine echte (also wertbringende) Kommunikation möglich. Und so ist es auch leicht erklärbar, warum manche „Gespräche“ so furchtbar anstrengend sind und keinen Sinn machen, zu keinen Ergebnissen führen, außer daß der, der ernsthaft kommunizieren will, in der Regel hinterher total erschöpft ist, wenn nicht sogar frustriert.
 
Eingeschränkheit bei der Wahrnehmung erhöht auch die Gefahr, „aufs Kreuz gelegt“ zu werden, da sich widersprechende Komponenten nicht auffallen. Als Beispiel sei hier der berühmte Redner genannt, dem zugejubelt wird, obwohl sich bei genauerer Betrachtung dessen Habitus, Tonfall und Körpersprache nicht wirklich mit dem Gesagten in Einklang bringen lassen. Viele Menschen scheinen für derartiges jedoch keinen „Sinn“ zu besitzen, oder aber, was wahrscheinlich auch nicht selten vorkommt, sie neigen dazu, dem Gesagten mehr Gewicht einzuräumen als den Signalen, die eigentlich dem Gesagten widersprechen.
 
Allein daran läßt sich der Wert einer umfassenden und sensibilisierten Fähigkeit zur Wahrnehmung bereits ermessen. Um Wahrnehmung im Nachhinein zu verarbeiten, ist natürlich nicht nur Verstandeskraft nötig (intellektuelle Analyse), sondern ebenbürtig auch das, was gemeinhin Intuition (das sogenannte Bauchgefühl, die Empfindung des Herzens) genannt wird. Die Unterordnung oder gar Verdrängung des intuitiven Elements gegenüber dem Verstand (Kopf) ist wohl einer der häufigsten Fehler, der von Menschen gemacht wird.
 
Wenn die Sinne verkümmern, stagniert das Denken
 
Zugegeben, bei der Informationsvermittlung via Papier oder via Blog (wie aktuell nun hier), ist es enorm schwierig, beurteilen zu wollen, ob alles „stimmig“ ist, da hier die Palette der Sinnesorgane nicht ausgeschöpft werden kann. Erschreckend ist es für mich jedoch geradezu, wenn ich lesen muß, daß viele Menschen das Chatten, SMS und Twitter, und vielleicht noch das Telefonat dem persönlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht den Vorzug geben. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung wird dadurch künstlich beschnitten. Inwieweit diese Verhaltensweisen sich negativ auf die Kommunikationsfähigkeiten auswirken, mag ich mir gar nicht vorstellen wollen.
 
Fakt ist: Selberdenken, die Fähigkeit zur Wahrnehmung (innerer wie äußerer, auch wenn in diesem Beitrag der Schwerpunkt auf der äußeren Wahrnehmung liegt) und die Bereitschaft, der eigenen Wahrnehmung zu trauen, sind sehr entscheidend, wenn es um Kommunikation geht. Denn es braucht Zeit, Konzentrationsbereitschaft und die Fähigkeit zur „Schau“, um Eindrücke aufnehmen und verarbeiten zu können.
 
Das Deuten von Signalen, das (später unumgängliche) Analysieren des Wahrgenommenen, das Einordnen, das Abwägen usw. bestimmen nun mal die abschließende Bewertung. Diese wiederum ist Baustein beim Aufbau eines „Weltbildes“. Ein „Weltbild“ entsteht aus nichts anderem als Denken, Fühlen, Erfahren, Reflektieren, Abstrahieren, Informationsverarbeitung mit Katalogisierung – und eben auch durch Austausch von Wissen und Meinungen. Besonders der persönlichen Erfahrungen (innere wie äußere) und deren Aufarbeitung kommt dabei eine wichtige Rolle zu.
 
Wer also nichts dafür tun will, seine Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen, zu sensibilisieren und zu nutzen, um für sich selbst weiterzukommen bzw. trotz der Fähigkeiten es sich nicht zugesteht, seiner Wahrnehmung zu trauen und ihr eine größere Kompetenz einzuräumen als Informationen aus zweiter Hand, der wird auch schwerlich dazu kommen, selber zu denken, sich freizumachen von vorgefaßten Ansichten und Sichtweisen. Eine Kommunikation mit einem solchen Menschen ist in der Regel fruchtlos, weil ein echter Austausch gar nicht stattfinden kann.
 
Wer seiner eigenen Wahrnehmung hingegen traut, der ist auch in der Lage, sein „Bauchgefühl“ zuzulassen, intuitiven Signalen zu lauschen und ihnen Bedeutung beizumessen, egal, was andere sagen. Das führt zu einem gesunden Selbstbewußtsein = Bewußtsein seiner selbst. Ein gewisser Individualismus ist die Folge, der aber nicht zur Schau gestellt werden muß, da solche Menschen dies nicht nötig haben. Mensch könnte es auch mit dem Attribut „Eigenwilligkeit“ umschreiben, welche zu Nonkonformismus neigt.
 
Eigenwilligkeit wird in der heutigen Zeit leider meist mit einen negativen Touch versehen, da die Gesellschaft echte Individualität nicht mag und Konformismus bevorzugt. Auf der Strecke bleibt da gar zu häufig die Identität.
 
… der dritte und abschließende Teil findet sich hier
 

5 Kommentare

  1. Anregung zum Selberdenken | de tempore:

    [...]  und Aufforderung, der eigenen Wahrnehmung zu trauen. Wer nicht selbst denkt, für den denken andere. Wer nicht selbst denkt, der kann gar nicht sein. Wer nicht selbst denkt, sollte eigentlich gar nicht „ich“ sagen. Wer seiner eigenen Wahrnehmung nicht traut, sollte sich fragen, was mit ihm nicht stimmt. Doch Wahrnehmung setzt eine gewisse Sensibilität voraus und die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Daher ist Wahrnehmung zuallererst einmal „Schau“. Dieses „Schauen“ kann auch nach innen gerichtet werden, und es beschränkt sich nicht auf die Informationsaufnahme durch die Sinnesorgane. Wenn es überhaupt „Objektivität“ gibt, kann sie hier im „Subjektiven“ ausgeübt werden. [...]

  2. Margitta:

    Lieber Frank,

    seit einigen Tagen bin ich Besucherin Ihrer wirklich außergewöhnlichen Seite. Mit wahrer Freude habe ich einige Ihrer Einträge, welche für mich sehr erhellend sind, gelesen. Ganz im speziellen über das Denken. Diese zeigen mir meinen Entwicklungsstand auf und ich stimme Ihnen zu.

    Ganz besonders entzückt war ich, als ich erkannte, dass Sie für das Wort “man” einen sehr aussagekräftigen Ersatz haben. Schon seit langer Zeit suche ich nach so einem Wort. Ihr Einverständnis voraussetzend, habe ich dieses sofort in meinen Sprachgebrauch übernommen.

    Ganz ungeduldig warte ich nun auf den dritten Teil.

    Bis dahin
    Liebe Grüße
    Margitta Lamers

  3. Vom Wert der Intuition | de tempore:

    [...] und die Wahrnehmung. Denn neben der „äußeren“ Wahrnehmung, über die ich im vorherigen Beitrag schrieb, gibt es natürlich noch die „innere“ Wahrnehmung, oder auch „Innenschau“ [...]

  4. Frank:

    @ Margitta: vielen herzlichen Dank für diesen schönen und aufmunternden Kommentar. Soeben habe ich den dritten Teil eingestellt. Es werden im Laufe der Monate garantiert noch weitere Beiträge kommen, die sich mit diesem Komplex beschäftigen.

    PS: auch ich habe lange überlegt und gesucht, um um dieses blöde Wort “man” herumzukommen. Daher freue ich mich über jeden Menschen, der andere Worte dafür findet. Und natürlich kann jede/r meine “Lösung” in seinen Sprachgebrauch einfließen lassen.

    Gruß
    Frank

  5. Margitta:

    Lieber Frank,

    danke für die Rückmeldung.

    Ich habe da noch ein Wort, welches mir schon lange auf der Seele brennt und ich ersetzen möchte. Es handelt sich um “Mein” Mann/Frau. Dieses “Mein” erhebt für mich den Anspruch auf “Du bist mein Eigentum”

    Da ich aber nur mir gehöre, so wie jeder nur sich selber gehören kann, habe ich damit große Schwierigkeiten. Kannst (darf ich Du sagen?) Du mir dabei helfen ein passendes Wort zu finden? Mir gelingt es leider nicht.

    Ach ja, da fällt mir gerade ein, für mich gibt es auch nur sehr wenige Menschen. Diejenigen die nicht bereit sind - aus welchen Gründen auch immer - an ihrer Weiterentwicklung zu arbeiten, sind für mich Leute.

    Nun werde ich mich dem dritten Teil widmen

    Ich wünsche Dir ein erbauliches Wochenende.
    Bis zum nächsten Mal,
    liebe Grüße
    Margitta Lamers

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