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Prentice Mulford - Neue Gedanken sind neues Leben

 
Von Karl Kraus stammt der Auspruch: „Über das Leben der meisten läßt sich nur sagen, daß sie sehr sehr lange nicht gestorben sind.“ Auf Prentice Mulford trifft dieser Satz sicher ganz und gar nicht zu, da dieser bereits ein sehr bewegtes und abenteuerliches Leben hinter sich hatte, als er zwischen 1885 und 1890 die Essays veröffentlichte, um die es in den zwei Folgen dieses Artikels geht und die auch in Deutschland (teils bereits ab 1909) veröffentlicht wurden. Mulfords Anliegen ist es, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß es möglich ist, eben nicht zu diesen „meisten“ zu gehören, von denen Karl Kraus spricht.
 
Prentice Mulford selbst ist dabei die einzige Referenz, die er dafür vorzuweisen braucht. Seine Gedanken, seine Erkenntnisse, seine Folgerungen sind zum einen seinen ureigenen Erfahrungswerten und Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen entsprungen, zum anderen aber schafft es Mulford mühelos, allgemeingültige Thesen und Methoden daraus abzuleiten, die auch heute noch, über 100 Jahre später, aktuell sind und den Geist unabweisbarer Gültigkeit atmen. Daher widme ich mich in diesem ersten Teil zunächst einmal den grundsätzlichen Aspekten in den Texten von Mulford, um dann im zweiten Teil auf einzelne Essays im Besonderen einzugehen.
 
Prentice Mulford 1877Prentice Mulford, der von 1834 bis 1891 lebte, war bereits von Jugend an recht selbständig. Als sein Vater starb, war er gerade 14 Jahre alt und schaffte es nach eigener Aussage, das elterliche Wirtshaus innerhalb weniger Jahre herunterzuwirtschaften, da er und seine Freunde die besten Kunden waren (freilich, ohne ihren Alkoholkonsum zu bezahlen). Mit 17 ging er zur See und führte einige Jahre lang das Leben eines unsteten Matrosen. Nachdem er einem betrunkenen Freund das Leben gerettet hatte, entsagte er dem Alkohol, da dieser nach eigenem Bekunden „das Wertvollste im Menschen, seinen Freien Willen“ zerstörte.
 
Nachdem er der Seefahrt den Rücken gelehrt hatte, lebte er eine Weile als Goldsucher und oft am Rande der nackten Existenznot. Zum Schreiben kam er um das Jahr 1862, und in den Jahren danach verlegte er sich mehr und mehr auf „geistige“ Betätigungen, bis er schließlich sein Brot als Journalist verdienen konnte. Mehrfach wechselte er in den darauffolgenden Jahren seine Arbeitgeber und pendelte hauptsächlich zwischen New York und San Francisco umher, besuchte jedoch auch mehrfach Europa (London, Wien, Paris).
 
Ab 1882 überlegte er ernsthaft, seine Überlegungen regelmäßig zu veröffentlichen unter dem Titel „Gefährlich leben“ oder „Richtig leben“. Er zog sich vom Weltgetriebe ein wenig zurück und wurde für einige Jahre zum Einsiedler. In diesem Zeitraum vollzog sich dann auch seine „Seelenwandlung“, eine Art Neugeburt, die zu den Essays führte, um die es hier geht. Seine Veröffentlichungen wurden fast ausschließlich durch Mundpropaganda bekannt, er selbst betrieb keinerlei Werbung oder Marketing. Seine produktivste Schaffensphase hatte er zwischen 1885 und 1890. Im Mai 1891 besuchte er seine Heimatstadt, unternahm eine Bootsfahrt, von der er, in Decken eingewickelt, sanft entschlafen zurückkehrte.
 
Die Erforschung der menschlichen Psyche
 
Mulford war als Erforscher der menschlichen Psyche seiner Zeit weit voraus und wird gerne als Pionier oder zumindest als Vorläufer des “Positiven Denkens” angesehen. Dieser Auffassung folge ich nicht, denn sie wird Mulford nicht gerecht, da seine Gedanken weit über das engumrissene Feld des “Positiven Denkens” hinausgehen und er außerdem in seinen Essays nicht müde wird, auf bestimmte Eckpfeiler seiner Thesen hinzuweisen:
 

„Es gibt keine Grenzlinie zwischen dem, was wir Geist und Materie nennen! Die Materie ist nur die Form des Gedankens, die sich den äußeren Sinnen offenbart.“

„Es gibt eine höchste Macht und waltende Kraft, die alles durchdringt und belebt.“

„Unabhängigkeit ist Macht. (…) Macht, nicht als Knechtung anderer, [sondern:] Wirkungen entfalten können – Freiheit – Lebensraum.“

„Der Gott in mir ist die einzige Instanz, die ich anerkenne.“

„Gedanken sind Dinge, vom Geist dem Körper gesandt, wo sie als sichtbare Substanz kristallisieren.“

 
Bei allem Respekt: mit der Art des “Positiven Denkens”, mit der wir seit Jahr und Tag totgeschmissen werden von einschlägigen Autoren wie Dale Carnegie, Napoleon Hill und Joseph Murphy sowie den Apologeten des NLP/Zen/Tao für Manager und Führungskräfte, das manupulierende „The Secret“ für Denkfaule und all den anderen im Materialismus Verhafteten und an der Oberfläche Verharrenden, deren geistiger Tiefgang eher einer flachen Pfütze entspricht, hat das, worüber Prentice Mulford schreibt, nichts gemein.
 
Denn eben genau jenen Techniken und Tricksereien, die dort im Allgemeinen propagiert und empfohlen werden, um Freunde zu „finden“, um Liebe zu ergattern, materiellen Wohlstand zu vermehren, berufliche Karriere zu ergaunern und als „erfolgreicher Sieger“ durchs Leben zu gehen, erteilt er eine unmißverständliche Absage! Noch einmal: Mulford gehört keinesfalls zu denen, die der Ansicht sind, durch gebetsmühlenartige Wiederholung irgendwelcher Selbstbeeinflussungs-Mantren (die dann auch noch von anderen vorgekaut werden) und verkopfter Verinnerlichung verflachter und gesellschaftskonformer Glaubenssätze auch nur einen einzigen Schritt vorankommen zu können auf dem Weg zur Gesundung der Seele.
 
Wo jene dem puren Egoismus das Wort reden – freilich mit viel esoterischem Gewäsch – spricht Mulford von wahrer Befreiung und Selbstverwirklichung, um sein Leben endlich einmal wirklich zu leben, anstatt sich mit Surrogaten zufriedenzugeben, die einem per Erziehung und Konditionierung eingetrichtert wurden. Auch wenn er selbst das Wort „Empathie“ nicht benutzt hat, ist genau diese Grundhaltung die Voraussetzung, um sich überhaupt dahin entwickeln zu können, was er mit „Realitäten aus uns herausdenken zu können“ umschreibt.
 
Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt
 
Kein halbwegs intelligenter und bewußter Mensch käme z. B. auf die Idee, Gautama Buddha als Pionier des “Positiven Denkens” zu bezeichnen, obwohl auch er bereits Jahrtausende vor Mulford ähnliche Ansichten vertreten hat:
 

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht mit unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.“

 
Wer die Essays von Prentice Mulford aufmerksam liest, kann nur zu dem Schluß kommen, daß die Essenz seiner Lebenshaltung weder auf Intellekt aufbaut, noch einen religiösen Überbau mit einem personifizierten Gott benötigt, sondern sich am Wesen der Natur ausrichtet. Er erteilt der Zivilisation zwar keine Absage, weil er sie als vom Menschen gestaltete Umwelt betrachtet, die durchaus hier und da ihre Vorteile hat, aber er kritisiert sie doch recht deutlich in ihren gesellschaftlich fragwürdigen Auswüchsen, die nämlich erheblich dazu beitragen, das Leben als Seinsform unerträglich zu machen.
 
In jedem seiner Essays widmet er sich konsequent einem Teilaspekt dieser gesellschaftlichen Verwirrungen, Irrtümer, Lügen und Hindernisse, die der Mensch sich selbst errichtet hat, zu denen er auch die mechanistisch-materialistische Wissenschaft (seiner Zeit) zählt, deren geistige Enge und berufsmäßiger Skeptizismus ihm ein echtes Greuel ist, weil ihr etwas Grundlegendes fehlt, deren Existenz sie jedoch nicht anerkennen will: Die Wirkungskraft der Liebe.
 
Wobei Mulford selbst damit die Liebe zum Leben meint, aus der sich die sogenannte „Lebenskraft / Lebensfreude“ speist, was er Vitalität nennt. Rund sechzig Jahre später hat diese Problematik der Psychoanalytiker Erich Fromm thematisiert, gipfelnd in der Frage, ob sich der Mensch im „Haben“ eingerichtet hat und somit das „Sein“ vernachlässigt. Wenn also überhaupt irgendein Bedürfnis besteht, Mulford als Vordenker zu bezeichnen, dann sollte ihm eher das Attribut „Pionier der Erforschung des Bewußtseins und seiner Wirkungsweisen“ verliehen werden.
 
Denn das, womit er sich auseinandersetzt, sind die menschliche Psyche (und nicht nur der Intellekt), das Problem der Wechselwirkung von Geist und Materie und die seelische Gesundheit. Erkrankungen jedweder Art sowie der körperliche Verfall (auch das Altern) sind ihm nur sekundäre Folgen eines primär falschen Denkens und eines (fremdbestimmten) Umgangs mit dem Komplex des Lebens und des Sterbens.
 
Von Konditionierung und Selbstprogrammierung
 
Mulford standen lediglich die heutigen Begriffe noch nicht zur Verfügung, mit denen wir in diesem Zusammenhang herumhantieren: Information und Informationsverarbeitung, Sinn und Zweck von Kommunikation, Empathie, das kollektive und individuelle Umbewußte, Psychoanalyse, Konditionierung, Selbstprogrammierung, Psychosomatik usw.
 
Auch benutzt er Begriffe wie Instinkt, Intuition, Kontemplation bisweilen etwas eigenwillig, doch daß der Mensch Teil eines größeren Ganzen ist und es nicht sonderlich weise erscheint, diesen Umstand unberücksichtigt zu lassen, das wußte Mulford sehr genau. Als unbedingter Anhänger des Freien Willens war es nur konsequent, gegen den Unfug des Lebens und des Sterbens zu Felde zu ziehen. Beachtenswert, daß er dies ohne Zynismus schafft.
 
Doch Zynismus und Anteilnahme können nicht Hand in Hand gehen, solange die Resignation nicht eingetreten ist. Als lebensbejahender Mensch blieb Mulford nur die Haltung eines gewissen Stoizismus angesichts von Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, verbunden mit der Hoffnung, daß diese bei einer echten seelischen und geistigen Weiterentwicklung (die er durchaus evolutionistisch sah, gleichwohl er das mechanistische Verständnis der Darwinisten ablehnte) von selbst aus dem Leben der Menschen verschwinden würden.
 
Denn geistige Reife und Bewußtheit benötigen keine „Macht, um andere zu knechten“, noch streben sie in explizit äußeren Erfolg und materiellen Wohlstand an (da sie ihn nicht nötig haben) – und eben diese spirituelle Ent-Wicklung und Erhöhung des Menschen zu erlangen war das gesetzte Ziel von Prentice Mulford. Das dazu auch Techniken der Meditation und Kontemplation gehören, und auch das „Nichtstun“ und die Tagträume wichtige Bestandteile des „minds“ darstellen, quasi als Kraftquelle, daraus machte er absolut keinen Hehl.
 
Die Natürlichkeit des menschlichen Daseins zu erkennen und in sich selbst zu fördern, statt sie zu gängeln, zu ersticken und sich vor ihr zu fürchten, sind weitere häufig ausgesprochene Aufforderungen in seinen Essays auf dem Weg zur Ganzheitlichkeit. Daß Eingebungen und Intuition dabei herausragende Rolle zukommen ist in und zwischen den Zeilen unübersehbar. Mit “Positivem Denken” oder dem, was heutzutage unter “New Age” verstanden wird, hat der Mulfordsche Ansatz ungefähr so viel Ähnlichkeit wie der Himalaya mit einem Erdhügel.
 
Das Mulfordsche Denken kommt eher dem nahe, was mit dem Begriff „Crazy Wisdom“ (verrückte Weisheit) höchst unzureichend beschrieben wird, und wo sich natürlich (je nach Schule) die Geister scheiden, wer denn alles als ein solcher „Weiser“ bezeichnet werden könnte. In jedem Fall war Prentice Mulford ein Nonkonformist, der mit beiden Füßen auf der Erde und somit mitten im Leben stand. Sein messerscharfer und aufrichtiger Geist sowie seine Unbestechlichkeit ließen ihn auch (oder gerade) dann nicht im Stich, wenn er mit sich selbst experimentierte. Dies kommt insbesondere in den Essays vom Unfug des Lebens sehr schön zur Geltung.
 
Wenn Gautama Buddha davon spricht, daß Leben Leiden sei, bezieht sich das auf genau dieselben Fehler, Irrtümer, Lügen und falschen Prämissen im Leben des Menschen, auf die Prentice Mulford aufmerksam macht. Er setzt freilich die „Pflicht zur Freude“ dagegen, ganz im Sinne von Kant oder Jesus. Das Wort „Glückseligkeit“ benutzt er zwar so gut wie nie, doch ist dies der Gemütszustand, den es anzustreben gilt, die gesunde Seele.
 
Wessen Interesse nun geweckt wurde, mehr zu den Essays zu erfahren, den möchte ich noch auf den zweiten Teil aufmerksam machen, in dem ich das Buch Unfug des Lebens und des Sterbens bespreche.
 

1 Kommentar

  1. Prentice Mulford - Der Unfug des Lebens und des Sterbens | de tempore:

    [...] der „Unfug“-Essays zuzulegen, da sie auch heute noch aufgelegt wird. Hatte ich mich im ersten Teil noch darauf konzentriert, das Grundsätzliche in Mulfords Essays herauszukristallisieren und [...]

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