Die Astrologie von den Anfängen bis zur Neuzeit (Teil 3)
Im zweiten Teil haben wir den Einfluß der Vorsokratiker des antiken Griechenlands auf Astrologie, Naturwissenschaft und Philosophie festgestellt – in diesem dritten Teil dieses Abrisses über die Entwicklung der Astrologie nun kommen wir zu den Sophisten und Philosophen. Menschen wie Sokrates, Platon, Demokrit, Aristoteles betreten die Bühne.
Es ist die Zeit, in der jedoch auch „die hellenische Krisis der Seele“ begann (Friedell). Denn den Gegenpol zu Sokrates und Platon bildeten die Sophisten: Anaxagoras, Protagoras, Gorgias, Hippias und Prodikos, um nur die Bekanntesten zu nennen. Wegen dieser „erfand“ Sokrates sozusagen den Begriff „Philosophie“, in Abgrenzung zu den Sophisten, die er verabscheute. Sein Schüler Platon bezeichnete die Sophisten als „Krämer, der mit Kenntnissen handeln“ und Aristoteles nannte die Sophistik gar eine Wissenschaft des Unwesentlichen, eine Scheinweisheit.
Diese Sichtweise hat sich bis heute erhalten, auch wenn bei Herodot z.B. auch die Orphiker, Solon und selbst Pythagoras zu den Sophisten gezählt wird, denn die ursprüngliche Bedeutung des Wortes lautet einfach: „der Weise“, wandelte sich später zu „Weisemacher“ und endete in der Ablehnung durch Plato und Aristoteles. Eine Beurteilung der Sophisten und ihren Leistungen fällt schwer, denn von ihnen ist wenig erhalten im Gegensatz zu den Schriften Platons, der ihr erbittertster Gegner war.
Was wir wissen, ist folgendes: Anaxagoras (499 – 428 v.u.Z.) kann als Naturalist und einer der ersten Sophisten gelten, dessen Weltanschauung „wissenschaftlich“ genannt werden darf. Denn er erklärte bspw. alle Veränderung durch Mischung und Entmischung (ähnlich Empedokles), aber nicht die der vier Elemente, die selber Gemische seien, sondern einer größeren Anzahl von Urstoffen (Grundstoffe) – heute kennen wir diese als die Elemente der modernen Chemie. Das „nous“ der Lehre Anaxagoras ist die alles durchwaltende Weltvernunft, die aus dem Chaos den Kosmos schuf und alles weise und zweckmäßig ordnete. Sein „nous“ bezeichnete er als den leichtesten und reinsten von allen Urstoffen, was ihn zu Recht als Materialisten erscheinen läßt, gekoppelt mit Erklärungen, die annehmen lassen, daß er alles auf rein mechanische Ursachen zurückführte.
Ist der Mensch das Maß aller Dinge?
Protagoras (490 – 411 v.u.Z.) dürfte im Wesentlichen durch seinen Satz bekannt sein: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge: der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.“ Hier klingt bereits an, daß der Mensch einfach nicht außer Acht lassen sollte, daß er nun mal anthropomorphisch (alles auf sich und den Menschen beziehend) ist. Protagoras ging noch einen Schritt weiter und meinte, daß nur der Einzeleindruck maßgebend sei. Alle Wahrnehmung jedoch basiere auf reinem Zufall, darum gebe es auch keine objektive Erkenntnis. Ihm war die „Wahrheit der Mathematik“ (von Platon erbittert verteidigt) nichts weiter als bloße Fiktion. Durch seine Untersuchungen über die „Wahrheit der Sprache“ schließlich wurde er der Schöpfer der wissenschaftlichen Grammatik.
Gorgias (gestorben 380 v.u.Z.) hatte drei Hauptaxiome: 1. Es gibt nichts. 2. Gäbe es etwas, so wäre es doch unvorstellbar. 3. Gäbe es etwas und es wäre vorstellbar, so wäre es jedenfalls nicht mitteilbar. Für ihn waren Worte nur bloße Zeichen für Vorstellungen. Zeichen und Bezeichnetes seien aber stets verschieden. Diese Sichtweise finden wir auch bei der mittelalterlichen Scholastik in ihrer letzten Phase, dem Nominalismus, wieder. Demnach sind Worte nur „signa“, die die Dinge lediglich anzeigen, wie der Rauch das Feuer, oder ein Seufzer den Schmerz, ohne ihnen deshalb jedoch im geringsten ähnlich zu sein.
Mit den Hinweisen auf Hippias (ein Zeitgenosse von Protagoras), der Wissenschaften wie die Archäologie und die Mnemonik erfand und zur Lösung geometrischer Probleme beitrug, und Prodikus, dem Begründer der Synonymik, möchte ich schließen. Letztgenannter entwickelte sogar eine rationalistische Theorie der Religion, die auf der Ansicht fußte, daß die Menschen ursprünglich das für göttlich gehalten hätten, was ihnen im Leben nützlich war – oder anders ausgedrückt, der Mensch hat sich seine Götter selbst erfunden.
Alles in allem gehen nahezu alle rethorischen Künste und Feinheiten auf die Sophisten zurück, die Dialektik feiert hier ihre ersten wahren Höhepunkte, Skeptizismus und Stoizismus bauen theoretisch auf der Sophistik auf. Relativierung und Verneinung (Nihilismus), ein teilweise ins Groteske gesteigerte Ich-Gefühl (Egoismus, Egozentrik), all das „Haarespalten“ bis hin zu der Annahme, daß alles letztendlich auf willkürlichen Konventionen beruht, sind (auch) die Früchte der Sophisterei.
Von Idealismus, Materialismus und Ethik
Den Sophisten entgegen stand Sokrates (469 – 399 v.u.Z.), und nach ihm Platon und Aristoteles. Von Sokrates wissen wir lediglich, was uns Platon von und über ihm erzählt. Wir dürfen aber annehmen, daß Sokrates selbst ein Stück weit Sophist war – seine Arbeitsweise und seine Techniken legen dies zumindest nahe. Er selbst sah die wahre Aufgabe der Philosophie in Selbsterleuchtung und Willensläuterung: Erkenntnis des Ich und des Guten. Wir werden Sokrates vielleicht am ehestens gerecht, wenn wir ihn als Dichter des Lebens und Gottsucher bezeichnen.
Eine Ironie ist es es, daß Sokrates selbst einige Jahrzehnte nach seinem Tod von Aischines als Sophist bezeichnet wurde. Von Sokrates’ Schüler Platon wiederum darf angenommen werden, daß dieser seinen Meister idealisiert hat. Zur selben Zeit wie Sokrates lebte Demokrit. Doch während sich Sokrates mit unruhiger Dialektik und den Sophisten herumschlug, die ihrerseits mehr durch ihre Fassade denn durch wirklichen Forschergeist glänzten, kümmerte sich Demokrit tatsächlich um nichts weniger als die Erschaffung des Weltbilds der exakten Naturwissenschaft.
Für Demokrit (460 – 371 v.u.Z.) gab es keine Zweckursachen, es herrschte allein die mechanische Kausalität. Die Materie bestand für ihn aus Atomen – letzten Einheiten, die unteilbar, qualitätslos und empfindungslos sind und sich nur durch Größe, Form, Anordnung und Lage unterscheiden. Damit reduzierte Demokrit alle qualitativen Unterschiede auf rein quantitative. Für ihn waren die Atome jedoch materielle Körper (daher dürfen wir Demokrit getrost als Materialist bezeichnen), wie er zu den heutigen Erkenntnissen stehen würde, die Atome eher als bloßes Energiezentrum sehen, muß dahingestellt bleiben.
Seine Theorie der Sinneswahrnehmung und Empfindung basiert dementsprechend auf seiner Atomtheorie. Ihm zufolge „gibt es das Süße und das Bittere, das Warme und das Kalte und die Farbe nur unserer Meinung nach, denn in Wahrheit gibt es nur die Atome und den leeren Raum.“ Selbst die Seele bestand für ihn aus Atomen, die er Feueratome nannte.
Interessanterweise entwickelte er trotzdem eine idealistische Ethik – oder vielleicht auch gerade deshalb – da als Konsequenz natürlich alles beim Menschen selbst liegt: ob er Recht oder Unrecht tut, wie seine Gesinnung ist, inwieweit er bereit ist, sich zu bilden usw…
Egon Friedell macht darauf aufmerksam, daß Demokrit zwar ein Materialist war, jedoch ein theoretischer, kein praktischer, und das dieser Materialismus auch nicht mit Realismus gleichgesetzt werden darf; denn Demokrits einzig akzeptierte Realitäten, die Atome und der leere Raum, sind ja überhaupt nicht wahrnehmbar. So sagte Demokrit: „Das Ichts (die Atomwelt) ist um nichts existenter als das Nichts (der leere Raum).“ Anders ausgedrückt, Demokrit lehnte es ab, an die Erscheinungswelt der Realität zu glauben. Darum war er auch Anti-Empirist (für einen Materialisten bemerkenswert). Er betonte nämlich, daß echte Erkenntnis niemals durch die irreführenden, von der Wahrheit ablenkenden Sinneseindrücke, sondern nur durch das Denken möglich sei. Zusammenfassend folge ich Friedell, der darauf hinweist, daß die Atome Ideen seien, und die Weltkonzeption, auf der die exakte Wissenschaft fußt, auf rein spekulativem Wege gefunden worden ist - was für eine köstliche Ironie!
Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die demokritische Physik nicht weniger Metaphysik als die platonische und aristotelische, und die idealistische Ethik widerspricht gar nicht mal so sehr der von Platon. Umso pikanter ist die Tasache zu werten, daß Platon Demokrit niemals auch nur erwähnt. Die gern vorgenommene Gegenüberstellung von Idealismus und Materialismus ist also zumindest in Bezug auf Demokrit und Platon als äußerst fragwürdig zu werten.
Bevor ich nun zum Abschluß dieses Kapitels noch kurz auf Platon und Aristoteles eingehe, möchte ich zumindest erwähnen, daß Demokrit, wie auch einige der Sophisten, zu den echten Gelehrten (auch im heutigen Verständnissinne) zu zählen ist. Zu diesen Gelehrten gehören auch Personen wie Epikur und Hippokrates, dem Erfinder der Heilkunst. Dieser weitete die Lehre von den vier Elementen auf vier Temperamente aus und studierte den Verlauf von Krankheiten u.a. auch in Abhängigkeit von den Planetenzyklen.
Vom Platonismus zur rein formalen Logik
Platon (427 – 347 v.u.Z.) schließlich, dessen Idealismus den demokritischen Materialismus (leider) jahrtausendelang sozusagen in den absoluten Hintergrund gedrängt hat, hatte mit seinem Werk Timaios erheblichen Einfluß auf die Astrologie und deren Anwendung. Für Platon sind die Ideen das einzig Reale, das einzig Greifbare für den Verstand, weil nur die Ideen ewig und unwandelbar sind im Gegensatz zum Universum, das sich ständig verändert. Daher ist das Universum auch nur durch Mutmaßung erfaßbar. So ist auch das Betreiben einer exakten Naturwissenschaft eigentlich unmöglich, da sie immer nur Annäherung sein kann.
Während er der Elementenlehre folgt und den Menschen als Mikrokosmos sieht, also ein Abbild der Welt, eines Universums im Kleinen, und daraus folgert, daß der Mensch zum Scheitern verurteilt ist, sollte er versuchen, sich den ewigen und unveränderlichen Ideen anzunähern, hatte er andererseits keinerlei Probleme damit, sich mit Astronomie und Astrologie zu beschäftigen, um bspw. die Sterne als nützlichstes Instrument zur Messung der Zeit zu bezeichnen. Seine Kosmologie steht nicht im Widerspruch zu den Leitsätzen der Astrologie, denn er wies selbst darauf hin, daß „der Mythos weder eine Allegorie noch eine Fabel ist, sondern die erste Sprache der Wissenschaft. Er stellt eine wahrscheinliche Ordnung der Abfolge und Zusammenstellung der in der Erfahrung gegebenen Dinge dar.“
Aristoteles (384 – 322 v.u.Z.) schließlich, der ein knappes Jahrzehnt als Lehrer und Berater Alexanders des Großen fungierte, danach weitere zehn Jahre in Athen lehrte und nach dem Tode Alexanders (323 v.u.Z.) in Ungnade fiel, war der „typische Kompromißphilosoph“ (Friedell). Obwohl ja nicht selten argumentiert wird, daß Aristoteles als eine Art Fortsetzer Platons verstanden werden kann, bin ich der Ansicht, daß Aristoteles den wahren Sinn der platonischen Ideen entweder nicht verstehen konnte oder wollte. Denn er katapultiert den Platonismus in die Niederungen der Erfahrungswissenschaft: für ihn war alles Werden ein Übergang aus der Potentialität in die Aktualität. Aus Platons „Nichtseiendem“ wird bei ihm das „potentielle Sein“.
Form ist zugleich Zweck. Aller Stoff ist auf Form angelegt, und die ganze Natur ist Überwindung des Stoffes durch die Form auf immer höheren Stufen. Und so teilte er ein und schuf zwar ein brauchbares naturphilosophisches Schema, verwässerte jedoch zugleich die platonische Ideenlehre. Eine seiner bedeutendsten Leistungen ist seine Logik. Erwähnt seien hier nur seine Tafel der zehn Kategorien, seine drei Denkgesetze der Identität, des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten und seine Theorie der Urteile und Schlüsse, der Beweise und Definitionen und der wissenschaftlichen Einteilungen und Methoden. Seine Stärke lag überhaupt auf dem rationalen Gebiet.
Aristoteles war Sammler, Kritiker und im weitesten Sinne auch Naturforscher. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß ihm nahezu alle Hilfsmittel fehlten, über die die moderne Wissenschaft verfügt. So sollte es auch nicht verwundern, daß er manche Dinge noch mythologisch betrachtete und bei vielen Beurteilungen schlicht daneben lag (auch hier als Beispiel nur sein Glaube an die Urzeugung). Hatte er im Hochmittelalter noch den Status des Unkritisierbaren, so wendete sich erst die Philosophie der Neuzeit verstärkt von ihm ab (bspw. Bacon und Bruno), während hingegen Kant zumindest konstatierte, daß die Logik seit Aristoteles keinen Schritt vorwärts und keinen hatte zurücktun können.
Kant hat insofern recht, da Aristoteles den analogen und symbolistischen Ansatz endgültig durch eine ausschließlich formale Logik ersetzte. Und eben diese Logik übte denn auch massiven Einfluß auf die Astrologie ab dem 3. Jh. v.u.Z. aus. Die erste astrologische Schule, die auf griechischem Boden eingerichtet wurde – von einem Chaldäer namens Berossos – zollte dem bereits Tribut. Doch das bleibt dem vierten Teil vorbehalten.


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Freitag, 5. Juni 2009 um 16:53
[...] der Ausspruch überliefert ist: „Der Mensch gleicht der Welt wie der Teil dem Ganzen.“ Im folgenden Teil werden die „Sokratiker“ und „Sophisten“ zu Wort kommen, und dann wird sich noch [...]
Freitag, 5. Juni 2009 um 22:54
Frank der Brückenmensch, Danke!
ich halt mich an dein Schnecken da oben und nehme mir ein wenig Zeit …Worte sind oftmals ein wenig zu viel für mich…aber wenn Tore da sind, frage ich vorher ob ich durch darf, wenn ja, öffnen sie sich …
liebe Grüsse auch Freund Antiferengi!
Samstag, 6. Juni 2009 um 14:48
Wir dürfen aber annehmen, daß Sokrates selbst ein Stück weit Sophist war – seine Arbeitsweise und seine Techniken legen dies zumindest nahe. Grummel, grummel, grummel. :-)
Ok, jetzt verstehe ich den Hinweis.
Warum Annahmen übernehmen, welchen von Feinden Sokrates produziert wurden, und zudem noch so wunderbar in die heutige Zeit passen?
Wie du absolut richtig schreibst war Sokrates durchaus auf der Suche nach einer Form der Selbsterleuchtung. Die Betonung liegt auf “Selbst”-erleuchtung. Was er angefeindet hat war eben das “Weise”-machen. Natürlich war derjenige welcher das Übel als einer der ersten erkannte auch noch Teil des umgebenden Lebens, und auch noch der herrschenden Rhetorik und Vorgehensweisen. Ein ehemaliger Parteiwähler, welcher eine Partei verlässt ist nicht mehr Mitglied dieser Partei. Man kann ihn aber denunzieren indem man ihm diese ehemalige Mitgliedschaft vorwirft. Eine der üblichen Vorgehensweisen der Sophisten, eine Vorgehensweise welche Sokrates aber nunmal kritisiert hat.
Aber ich glaube darüber werden wir uns in alle Ewigkeit streiten können, was ich aber auf gar keinen Fall will.
Stattdessen mein absolutes Kompliment an alles andere und mit Spannung erwartete weitere Teile.
Gruss auch an die Geheimrätin.
Donnerstag, 11. Juni 2009 um 14:29
[...] zweite und dritte Teil war all den Denkern, Philosophen und Wissenschaftlern der griechischen Antike vorbehalten, die [...]
Donnerstag, 11. Juni 2009 um 14:47
@ Geheimrätin: freut mich, daß du dir die Zeit nimmst, auch hier etwas zu stöbern
@ antiferengi: nee, ich denke nicht, daß wir da wirklich endlos streiten würden, da der Begriff “Sophist” ja ohnehin unterschiedliche Bedeutungen genießt. Es sollte auch eher als ironisches Bonmot aufgefaßt werden. Daß Sokrates jedoch durchaus auf sophistische Methoden zurückgegriffen hat (letztendlich ja sogar bei seiner Hebammentechnik), ist aber nicht von der Hand zu weisen. Natürlich bringt mich dieser Umstand aber nicht wirklich dazu, anzunehmen, daß er den Sophisten zuzuorden wäre. Also, da muß ich dich enttäuschen, kein Streit drin ;-)
Gruß
Frank