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Die moderne Astrologie und ihre Besonderheiten

 
Obwohl die Astrologie bereits zu Beginn des sogenannten naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters kaltgestellt und teils sogar verboten wurde (siehe meinen vorherigen Beitrag), bemühen sich ihre Anhänger weiterhin, wissenschaftlich anerkannt zu werden. Bislang ohne Erfolg – natürlich ohne Erfolg, möchte ich hinzufügen, denn sie erfüllt nicht die dazu erforderlichen Kriterien, über die sich seitdem die Wissenschaft definiert.
 
Ich persönlich finde das Gebuhle um Anerkenntnis weder sinnvoll noch unterstützenswert, denn damit reduziert sich die Astrologie gleichsam selbst. Im ersten Teil dieses Nachtrags möchte ich noch kurz auf die „Beweisführungen“ der Astrologie des 20. Jh. eingehen, um dann den Bogen zu schlagen, welchen Stellenwert eine „geläuterte“ Astrologie in der heutigen Zeit für den Menschen haben könnte, wenn sie nur wollte.
 
Stich aus dem 18. Jh. -ein Astrologe zerreißt sein HoroskopDie Astrologie unterteilt sich seit dem Ende des 19. Jh. in verschiedene Strömungen. Zunächst wurde sie von der theosophischen Lehre und dem zu jener Zeit recht populären Spiritismus geprägt. Daher ist es nicht falsch, von einer okkulten und spirituellen Astrologie zu sprechen. Zwar wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff esoterische Astrologie desöfteren benutzt, doch finde ich diese Definition irreführend, da die Vertreter der verschiedenen „Geheimgesellschaften“ zum einen Anhänger der Hermetik waren, und zum anderen ihre Argumentationsweisen der freien Willensentscheidung nur wenig Raum ließen.
 
Es herrschte eher eine Art „spiritueller Determinismus“ vor, der zusätzlich auch noch dadurch geprägt wurde, daß die führenden Köpfe jener Gesellschaften aufgrund ihrer Wissenschaftsgläubigkeit sogar den Fehler begingen, ihre Ansichten belegen und beweisen zu wollen. Anders ausgedrückt begaben sie sich zu kritiklos auf das Feld der „Wissenschaft“ und unterwarfen sich beinahe ohne Gegenwehr deren Beurteilungs- und Arbeitskriterien. Da ich diese Herangehensweise als absolute Sackgasse ansehe, möchte ich nun auch nicht näher darauf eingehen. Die Versuche, Magie und Mystik mit rationalisierten Argumentationsketten zu verteidigen und zu (v)erklären, sind ebenso zahlreich wie dumm.
 
Humanistische, wissenschaftliche und pragmatische Astrologie
 
Stattdessen möchte ich in aller Kürze auf eine Spielart eingehen, die einen humanistischen Ansatz verfolgt und die mindestens ebenso spirituell zu nennen ist wie die vorgenannte Richtung. Beeinflußt von der holistischen Theorie Jan Smuts’ und den Arbeiten von C.G. Jung versucht diese Richtung innerhalb der Astrologie, den psychologischen Kosmos des Menschen zu erweitern und über das individuelle „Ich“ hinauszugehen, um die strukturelle Ganzheit der Persönlichkeit aufzuzeigen. Hier sehe ich einen vielversprechenden Ansatz, auf den ich an anderer Stelle noch genauer eingehen werde. Bis dahin bitte ich um Geduld.
 
Schauen wir uns nun jedoch die zweite größere Strömung an: die wissenschaftliche Astrologie. Diese zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, daß verstärkt statistische Methoden zum Einsatz kommen, mitunter finden sich unter ihren Anhängern auch Befürworter von Hypothesen, die versuchen, physikalische Grundlagen zu belegen, wie z.B. kosmische Kraftfelder oder auch elektromagnetische Felder, mit deren Hilfe sich astrale Einflüsse „nachweisen“ lassen sollten. Keine der Hypothesen jedoch ließ sich bisher beweisen, die Hochzeit dieser Strömung lag in den 1950er und 1960er Jahren.
 
Die dritte größere Strömung ist die empirische und pragmatische Astrologie. Korrekterweise wäre hier einmal mehr der Begriff Astromantie angebracht, denn diese Richtung entspricht im Wesentlichen der populären Astrologie der Almanache und der Weissagungspraxis der Renaissance und der Praxis des Altertums unter Vorherrschaft der Römer (etwa 100 – 400). Wir sprechen hier von einer regelrechten Industrie, die nicht nur den Einzelnen (das Individuum) im Regelfall relativ unberücksichtigt läßt, sondern auch eine Art „Instant-Mentalität“ fördert, was ich sehr bedauerlich finde.
 
Der Fokus auf Quantität bedeutete schon immer, daß dies zu Lasten der Qualität verbucht werden muß – so auch hier (Ausnahmen bestätigen die Regel). (Zumeist wenig aussagekräftige) Ratgeberbroschüren, Computergenerierte Horoskope, Verflechtung von Weissagung und Kommerz, kollektivierte Aussagen, die Schnelligkeit der Ausführung, Astro-Hotlines, Schnupper-Angebote, um auch astrologieferne Kunden gewinnen zu können: all dies muß notwendigerweise dazu führen, daß Astrologie sich mehr und mehr mit Oberflächlichkeiten beschäftigt, um rein praktische Bedürfnisse ihrer Klientel umgehend zu bedienen (Karriereaussichten, Geld, Beziehungskrempel) – von der Perversion der dahingeschluderten Sternzeichen-Wochen-Weissagungen ganz zu schweigen.
 
Zweifellos geht hier der eigentliche Sinn und Zweck der Astrologie verloren: Hilfe und Unterstützung bei der Selbstfindung und Selbst-Entwicklung zu leisten. Natürlich gibt es noch vereinzelte „Freelancer“, die sich die Zeit nehmen und mit Akribie und Sorgfalt individuelle Horoskope erstellen, doch sie sind sicherlich in der absoluten Unterzahl. Erschwerend kommt dann auch noch der Umstand hinzu, daß sich eine Menge Unbedarfter auf diesem Gebiet tummeln, da die Berufsbezeichnung „Astrologe“ nicht geschützt ist. Ich mache überhaupt keinen Hehl daraus, daß mir diese Industrie (als negativen Folge des New Age und eines damit entstandenen Esoterik-Booms) im Wesentlichen suspekt ist und mir Unbehagen bereitet, weil hier viel Schaden angerichtet wird.
 
Reformierte, symbolische und psychologische Astrologie
 
Doch verlassen wir dieses unfruchtbare Feld und widmen uns den weiteren Strömungen. Hier sei nur kurz die reformierte Astrologie genannt, der ich ebenfalls nichts abgewinnen kann, da sie zum einen an der gelehrten Astrologie früherer Zeiten anknüpft (also ihr Hauptaugenmerk auf Methodenbildung und Schemata richtet), und zum anderen der wissenschaftlichen Variante insofern ähnelt, daß symbolische Interpretationen oftmals entschieden zu kurz kommen. Die reformierte Astrologie verhält sich zur symbolischen und psychologischen Astrologie, die ich im nächsten Absatz bespreche, in etwa so, wie Freud zu Jung: eine Mechanisierung, in der die übergeordnete Theorie mehr zählt als die Anerkenntnis individueller Präpositionen.
 
Die symbolische und psychologische Astrologie knüpft zum einen an den humanistischen Ansatz innerhalb der spirituellen Astrologie an, erweitert diesen jedoch um tiefenpsychologische Erkenntnisse, die weit bis ins Gebiet der transpersonalen Psychologie hineinreichen. Damit wird auch dem Symbol sowie seiner Deutung und Entschlüsselung wieder mehr Gewicht eingeräumt. Ein Ansatz, der leider von vielen Traditionalisten innerhalb der verschiedenen Strömungen nicht weiterverfolgt, geschweigedenn ausgebaut wurde, da diese sich weiterhin darum bemühen, unter Zuhilfenahme der Physik die Astrologie zu rechtfertigen (Empirik, Objektivierung und Veräußerlichung).
 
Diese „Wissenschaft der Psyche“ innerhalb der Astrologie legt den Schwerpunkt darauf, herauszufinden, wie die Sterne in uns wirken, statt darauf zu beharren, den Einfluß der „physischen Planeten“ auf uns belegen und nachweisen zu wollen. Daher vertrödelt sie auch nicht ihre wertvolle Zeit damit, unbedingt als „Wissenschaft“ anerkannt werden zu wollen. Das holistische Weltbild und der ganzheitliche Ansatz spielen hier eine wichtige Rolle. Dies führt zugleich zu einer „Rückbindung“ auf die Ursprünge der Astrologie unter Berücksichtigung der Erkenntnisse heutiger Psychologie und zu einer Modernisierung und Aktualisierung der symbolischen Faktoren. Die Anerkenntnis des „Irrationalen“ und der Relevanz innerer (also durchaus subjektiver) Wahrheiten kommt dabei große Bedeutung zu.
 
Ich werde im nächsten Teil noch ausführlicher auf diese Ansätze eingehen. Doch in diesem Teil möchte ich mich zum Schluß noch der letzten Strömung des 20./21. Jh. widmen, obwohl sie genaugenommen keine Strömung, sondern die älteste Form der Astrologie selbst darstellt, die seit der Neuzeit jedoch in Vergessenheit geraten war.
 
Mundane Astrologie
 
Die mundane Astrologie in ihrer alten Form kann durch aus als das Analogon der antiken und mittelalterlichen Welt zu den heutigen Trendforschungsinstituten und einigen der sogenannten „weichen Wissenschaften“ angesehen werden, zu denen ich u.a. Politik-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften zähle. Wer sich das momentane Chaos da draußen in der Welt anschaut, wird mir wohl recht geben müssen, daß all die Prognosen, „Weissagungen“ und Einschätzungen der o.g. Disziplinen meist auch nicht fundierter oder werthaltiger sind als das, was die Vertreter der empirischen und pragmatischenAstrologie in den Unterhaltungsmedien üblicherweise so von sich geben.
 
Dieses Urteil mag hart klingen und Widerspruch erzeugen, aber dazu stehe ich. Das Wiedererstarken der mundanen Astrologie seit Mitte des letzten Jh. geht Hand in Hand mit neuen Verfahren wie z.B. das der Planetenzyklen. Hierbei geht es um Korrespondenzen, Konjunktionen und Konzentrationen bestimmter Planeten, die zyklisch auftreten, sich teils innerhalb von Jahrzehnten und teils alle paar hundert Jahre wiederholend, wobei bestimmten Zyklen symbolische Schemata zugeordnet werden, um so zu versuchen, Gesetzmäßigkeiten auszumachen in historischen Strömungen, u.a. Politik, Wirtschaft und Soziales betreffend.
 
Natürlich läuft das letzten Endes auf Analyse hinaus, aufgrund der dann wiederum Prognosen für die Zukunft erstellt werden. Das Problem dabei ist, daß es viele Irrwege gibt; Vorhersagen von „Fakten“ ist nahezu unmöglich, dazu ist das Forschungsgebiet viel zu komplex. Daraus jedoch eine prinzipielle Unzulässigkeit abzuleiten wäre verfehlt. Immerhin taugt die Methodik insofern, daß zumindest das Aufspüren der Entwicklung von Tendenzen möglich ist. Beweiskraft im Sinne der experimentellen Wissenschaft werden solche Herangehensweisen höchstwahrscheinlich jedoch – zumindest in absehbarer Zeit – nicht erlangen.
 
Das liegt aber auch nicht zuletzt daran, daß viele der hier genannten Strömungen den Medien nicht einmal eine Erwähnung wert sind. Fernsehen, Rundfunk und Presseorgane ziehen es stattdessen vor, fast ausschließlich eine Astrologie zu vermitteln, deren diskursive Armut bestenfalls für gallige Scherze und abwertende Kommentierungen taugt (wie es z.B. mit schöner Regelmäßigkeit die GWUP besorgt). Die „Esoterik-Industrie“ trägt leider auch hierzu ihr Scherflein bei.
 
Ich hoffe jedoch, in diesem Artikel durchaus ernstzunehmende Ansätze vorgestellt zu haben, wobei mein Hauptaugenmerk sich auf die symbolische und psychologische Astrologie richtet, zu der ich im letzten Teil dieser Reihe noch einiges zu sagen haben werde.
 

2 Kommentare

  1. Die Astrologie von den Anfängen bis zur Neuzeit (Teil 5) | de tempore:

    [...] jener Tiefe und Ernsthaftigkeit betrieben, die sie zweifellos einst besaß, werde ich in zwei Nachträgen beleuchten und damit dann diese Artikelserie auch vorerst [...]

  2. Astrologie, Psychologie und der ganzheitliche Ansatz | de tempore:

    [...] vorigen Beitrag hatte ich die verschiedenen Strömungen der heutigen Astrologie vorgestellt und kurz [...]

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