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Die Wiederkehr des Philip K. Dick

 
Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer lockeren Folge von Artikeln zu dem 1982 verstorbenen US-amerikanischen Autor Philip K. Dick und seinem literarischen Schaffen. Dick wurde mitten in der Rezession am 16. Dezember 1928 geboren. Er kam früh zur Science Fiction und zum Schreiben. Bereits als Jugendlicher verfaßte er erste Kurzgeschichten. Zudem schrieb er Texte für eine Radiosendung, die sich mit klassischer Musik befaßte.
 
Nachdem er 1947 die Schule verlassen hatte, arbeitete er in einem Schallplattenladen. In etwa jener Zeit lernte er Anthony Boucher kennen, den Herausgeber des Magazine of Fantasy and Science Fiction, der ihn dazu animierte, wieder mit dem Schreiben von Kurzgeschichten zu beginnen. Dick nahm Boucher beim Wort, schrieb und verkaufte schließlich 1951 seine erste SF-Kurzgeschichte („Roog“) an eben jenen Boucher. Bereits im Jahr darauf entschloß sich Dick, seinen Job zu schmeißen und von nun an als freiberuflicher Schriftsteller zu leben.
 
Cover der Dick-Biographie nebst Klappentext„Roog“, die Geschichte eines Hundes, der als einziger in seiner Straße bemerkt, daß die Müllmänner keine Menschen sind, wurde allerdings erst 1953 veröffentlicht – was nichts anderes heißt, als daß Dick sich bereits vor seiner ersten Veröffentlichung als hauptberuflicher Autor sah. Doch er ließ alsbald Taten folgen. Von seinen etwa 130 Kurzgeschichten veröffentlicht er allein 70 (!) in den Jahren 1953 bis 1955. Und selbst die schwächsten seiner Stories spühten vor kreativen Ideen, obwohl Dick seine Geschichten in dieser ersten Phase seines Schaffens jedes Mal den Bedürfnissen und dem Geschmack der jeweiligen Magazinherausgeber angepaßt waren, denen er die Stories anbot.
 
Der SF-Autor, der zunächst keiner sein wollte
 
1955 veröffentlichte er bereits seinen ersten Roman: „Solar Lottery“ (dt. Hauptgewinn: die Erde), in dem er die von Neumannsche Spieletheorie verarbeitete. Danach verfaßte er bis Anfang der 1960er Jahre in rascher Folge weitere SF-Romane, derweil die Veröffentlichungen von Kurzgeschichten rapide abnahmen (ganze 12 von 1956 – 1960). Auch wenn es schön klingen mag, bereits ab Mitte 20 bis Anfang 30 derart erfolgreich zu sein: die Realität sah ein wenig anders aus. Denn sein Erstlingsroman erschien bei Ace, einem der schlechtestbezahlenden amerikanischen Taschenbuchverlage, der zudem noch einen zweifelhaften Ruf genoß.
 
Und so war es nicht zuletzt auch die wirtschaftliche Not, die Dick dazu trieb, derart rasch zu produzieren. Dazu kam noch, daß er in dieser Zeit erfolglos versuchte, Mainstreamromane an die Verlage zu bringen (Romane jenseits der SF), denn durch die Menge seiner auf den Markt geworfenen SF-Romane (8 an der Zahl zwischen 1955 und 1960) hatte er bereits den Ruf eines Genre-Autors, an dem sich „seriöse“ Verlage nicht die Finger verbrennen wollten. Von den Mainstreamromanen aus dieser Phase wurde nur ein einziger zu Lebzeiten Dicks veröffentlicht: „Confessions of a Crap Artist“ (dt. Eine Bande von Verrückten), und auch dieser erst im Jahr 1975 in einer Kleinauflage. Diesen Roman, den ich für einen der besten amerikanischen psychologisch-sozialkritischen Romane überhaupt halte, werde ich in einem Extra-Artikel noch ausführlich besprechen.
 
Persönliche Schwierigkeiten, Umbrüche und sicher auch Frustration führten Ende der 1950er Jahre dazu, daß Philip K. Dick sich dann zurückzog und rund 2 Jahre nicht publizierte. Noch hatte er seinen Traum nicht aufgegeben, als Autor literarischer Werke verlegt und anerkannt zu werden, doch dies blieb ihm versagt. Und so konzentrierte er sich schließlich wieder auf das Verfassen von Science Fiction- Romanen. Der 1962 erschienene „The man in the High Castle“ (dt. Das Orakel vom Berge) bescherte ihm dann auch prompt den Durchbruch und wurde 1963 mit dem Hugo Award, einem der wichtigsten SF-Preise, ausgezeichnet. Dieser Parallelwelt-Roman, in dem die Achsenmächte Japan und Hitler-Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hatten und die amerikanische Westküste unter dem Protektorat Japans stand, markierte die sogenannte zweite Schaffensphase von Dick, die in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist.
 
Die fruchtbare zweite Schreibphase – und trotzdem Geldnot
 
Denn in nur 3 Jahren (von 1961 bis 1963) schrieb Dick allein 15 seiner ausgewiesenen „reinen“ 36 SF-Romane, die bis in das Jahr 1969 hinein nach und nach veröffentlicht wurden. Darunter finden sich Klassiker wie „Martian Time-Slip“, „The three Stigmata of Palmer Eldritch“, „Dr. Bloodmoney“, „Do Androids dream of electric Sheep?“ (der Film „Blade Runner“ von 1981 basiert auf diesem Roman), “Galactic Pot-Healer” und nicht zuletzt “UBIK”, die leider in der Mehrzahl verfälschende bis peinliche deutsche Titel-Übertragungen verpaßt bekamen, bis der leider nicht mehr existierende Haffmans-Verlag in den 1990ern im Rahmen einer Werkausgabe dieses Übel korrigierte.
 
Ich möchte an dieser Stelle nun nicht weiter darauf eingehen, da ich die o.g. Romane im Laufe der Zeit noch im einzelnen vorstellen werde. Leider ruinierte sich Philip K. Dick in dieser Schaffensphase mit Sicherheit seine Gesundheit, denn ein solcher Ausstoß war nur mit Hilfe von Aufputschmitteln zu bewerkstelligen. Neben den Romanen schrieb er weiter Kurzgeschichten, von denen ich zumindest „The days of Perky Pat“ und „The Electric Ant“ erwähnen möchte, da sich in diesen beiden Stories manifestiert, worin die Besonderheit der Dickschen Schreibe und Themenwahl dieser Zeit bestand: die Frage, was den Menschen menschlich macht und von der Maschine unterscheidet, und die Zertrümmerung der Realität.
 
Den Fans und Bewunderern von Philip K. Dick brauche ich dazu sicher nichts weiter erläutern – alle anderen bitte ich um Geduld, denn in diesem einführenden Beitrag fehlt es leider an Raum, spezifischer auf einzelne Werke einzugehen. Stattdessen möchte ich die Chance nutzen, einmal darauf aufmerksam zu machen, wie wenig kommerziell absichernd ein derart publizistischer Erfolg sein kann, wie der des Philip K. Dick in jenen Jahren. Zwar wurden seine Romane, wie bereits erwähnt, kontinuierlich veröffentlicht – doch viel Geld verdiente er damit keineswegs.
 
Der Tod zweier enger Freunde, zum einen der seines langjährigen Mentors Anthony Boucher, zum anderen der des Bischofs Pike, dessen Ansichten Dick sehr viel gebracht haben und ihn zu seinen besten Werken angespornt hatten; eine gefährliche Erkrankung sowie das Scheitern seiner Ehe (es war nicht die erste Ehe und auch nicht die letzte Scheidung) in einem Zeitraum von nur knapp 2 Jahren führten dazu, daß Dick es immer schwerer fiel, zu schreiben. Und so entstand ein (wenn auch kurzes) Publikationsloch, das mit dazu beitrug, daß der Autor im Sommer 1970 gar Sozialhilfe und Lebensmittelscheine beantragen mußte.
 
Depressionen, Paranoia und ein „göttlicher Überfall“
 
Andererseits hatte er zu dieser Zeit gerade eben einen neuen Roman namens „Flow my tears, the Policeman said“ (dt. Eine andere Weltabgeschlossen, der die sogenannte dritte Phase einleitete, zu der neben „We can build you“ (dt. Die rebellischen Roboter oder Das Lincoln-Simulacra) auch „A Scanner darkly“ (dt. Der dunkle Schirm) zu zählen ist, der erst 2007 verfilmt wurde. Eine andere Welt spielt in einem Polizeistaat, den Dick aus dem Nixon-USA in die Zukunft extrapoliert hat und der ihm eine besondere Aufmerksamkeit des damaligen Regimes einbrachte. So wurde in sein Haus eingebrochen, er wurde bedroht und konnte diesem Streß nicht standhalten. Er entwickelte paranoide Züge, flüchtete vorübergehend nach Kanada und verübte dort sogar einen Selbstmordversuch.
 
In jenen Zeiten kam er auch verstärkt mit Drogen in Berührung, von denen er zuvor (nach eigener Aussage) die Finger gelassen hatte. Nach seinem mißglückten Selbstmordversuch, an Depressionen leidend, verbrachte er einige Wochen in einem Drogentherapiezentrum. Dort erlebte er Szenen, die bei ihm ihre Spuren hinterließen. Es ist relativ gesichert, daß diese Eindrücke massiv in „A Scanner darkly“ einflossen, den er im August 1975 fertigstellte und der 1977 in einer gebundenen Ausgabe erschien. Kurz nach der Fertigstellung der ersten Fassung dieses Romans Anfang 1974 wurde endlich „Flow my tears, the Policeman said“ veröffentlicht und fast zur gleichen Zeit erlebte Philip K. Dick eine mystische Offenbarung, die ihn für den Rest seines Lebens – auch schriftstellerisch – beschäftigen sollte.
 
Das Spätwerk – durchaus religiös motiviert
 
Die letzte Phase seines Schaffens nahm ihren Anfang. In den noch verbleibenden Jahren seines Lebens seit jenem mysteriösen Ereignis versuchte er, herauszufinden, ob es sich bei den Vorkommnissen und Visionen tatsächlich um eine „religiöse Offenbarung“ gehandelt hatte oder doch nur um eine „totale Psychose“. Jedenfalls erwuchs daraus eine Trilogie, die unter dem Namen VALIS bekannt wurde. Eine Art Vorspiel dazu ist der Roman „Radio Free Albemuth“ (geschrieben 1976, veröffentlicht jedoch erst posthum 1985), der sich noch einmal das Nixon-Amerika vorknöpft, welches Dick so übel mitgespielt hatte.
 
Die Visionen, die zu VALIS führten, retteten seinem Sohn das Leben (auch auf diese Vorkommnisse werde ich in einem späteren Beitrag ausführlich eingehen), halfen ihm, seine Finanzen in Ordnung zu bringen, krempelten sein Leben um, und erstaunlicherweise besserte sich Dicks finanzielle Lage so grundlegend, daß er das erste Mal in seinem Leben keine materiellen Sorgen mehr hatte. Und so konnte er sich tatsächlich der Verarbeitung dieser Erlebnisse widmen, ohne unter Zeitdruck zu sein.
 
Egal, was mensch nun davon halten mag, Tatsache ist, daß daraus eine Trilogie entstand, deren erster Band weniger ein SF-Roman darstellt, als eher eine merkwürdige Art von Autobiographie, gefüllt mit Spekulationen über religiöse und philosophische Themen, ein Netz aus Worten, so dicht gewebt und mit einem teils derart abstrusen Humor durchdrungen, daß hier durchaus von einer neuen literarischen Schreibe gesprochen werden darf. Wer die „Illuminatus“-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea kennt, wird zugeben müssen, daß „Valis“ (der erste Teil der Dickschen Trilogie) noch durchgeknallter erscheint.
 
Die Trilogie „Valis“, „The Divine Invasion“ (eher wieder klassische SF-Fantasy) und „The Transmigration of Timothy Archer“ (bei dem Bischof Pike sozusagen die Blaupause darstellt) erschien in den Jahren 1981 und 1982 – der abschließende Teil allerdings erst kurz nach Dicks Tod. In dieser Zeit jedenfalls hatte Philip K. Dick bereits eine Art Frieden mit sich selbst geschlossen, er bekannte sich dazu, SF-Autor zu sein, rang mit einem neuen Roman und erlebte eine späte Genugtuung darin, daß tatsächlich endlich einmal einer seiner Romane verfilmt wurde (unter dem Titel „Blade Runner“).
 
Ein Ausblick auf die Verfilmung
 
Eine erste Option hatte es bereits 1969 gegeben, eine erste Drehbuchfassung etwa 1972 (die Dick grauslig fand), doch nun endlich konnte er sich darauf freuen, daß „ein gutes Buch zu einem guten Drehbuch und das zu einem guten Film“ gemacht worden war. So wurde er im November 1981 zu einer Privataufführung (von Teilen des Films) eingeladen, auf der er Ridley Scott, den Regisseur kennenlernte. Den fertigen Film konnte er leider nicht mehr in den Kinos genießen, da er nach mehreren Schlaganfällen Anfang März 1982 im Alter von 53 Jahren starb.
 
In meinem nächsten Beitrag zu Philip K. Dick wird es um genau diese Verfilmung, ihre Geschichte und den Roman, dem der Film zugrundeliegt, gehen. Und ich bin überzeugt, daß selbst eingefleischte Fans das ein und andere Detail können lesen werden, von dem sie noch nichts wußten. Bei allen, denen Philip K. Dick bislang kein Begriff war, hege ich die Hoffnung, sie wenigstens ein wenig neugierig gemacht zu haben auf die schriftstellerische Arbeit dieses viel zu früh verstorbenen Autors, denn er steht auch als Beleg dafür, was gute Science Fiction tatsächlich inhaltlich leisten kann. Danke fürs Lesen.
 
Editorische Notiz: wer sich für das Leben und die Person Philip K. Dick interessiert, dem möchte ich an dieser Stelle die Biographie „Philip K. Dick – Göttliche Überfälle“ von Lawrence Sutin empfehlen (siehe Bild), der ich einige Daten für obigen Beitrag entnommen habe.
 

4 Kommentare

  1. aebby:

    vielen Dank für diesen Beitrag, ich habe auch diverse Bücher von ihm im Regal stehen ;-) Die erst spät einsetzende Verfilmung seiner Werke ist ein Stück weit eine bittere Ironie, wenn man sich die großen SF Kassenschlager anschaut basieren die oft in großen Teilen auf seinen Geschichten (z.B. matrix, minority report, total recall).

  2. Frank:

    Hi aebby, ersteinmal willkommen und ein herzliches Danke für den Kommentar.

    Ja, es ist Ironie, daß der gute Mann erst so derart spät “wiederentdeckt” wurde. Genaugenommen gibt es auch erst 2 Romane, die verfilmt wurden (Blade Runner ist m.E. weniger eine Verfilmung seines Romans, sondern eher ein Streifblick in die Dick’sche SF-Welt).

    Die beiden Romane sind “Der dunkle Schirm” (2006 verfilmt) und “Radio Freies Albemuth” (2008/9). Bemerkenswerterweise beides nicht unbedingt Kassenknüller (wahrscheinlich zu eigen, zu anspruchsvoll);
    ansonsten werden eher Kurzgeschichtenstoffe verfilmt (manchmal bis zur Unkenntlichkeit verändert, siehe Total Recall, aber auch Minority Report); am schlimmsten sind m.E. Filme, die auf Dick aufbauen, ihn aber nicht einmal namentlich erwähnen, nicht einmal als Dank oder Anregung (wie Matrix), das finde ich ärgerlich und beschämend. Aber darauf werde ich hier und da noch zu sprechen kommen bei späteren Beiträgen.

  3. aebby:

    “das finde ich ärgerlich und beschämend” … ja, d.h. eigentlich überwiegt der Ärger, wenn es um Nennung der Autoren entgeht ist plötzlich das Urheberrecht nicht mehr so wichtig - aber das ist ein anderes Thema

  4. Philip K. Dick - Träumen Roboter von elektrischen Schafen? | de tempore:

    [...] in der Einführung zu dem US-amerikanischen Autor Philip K. Dick angekündigt, folgt heute der Artikel zu seinem [...]

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