Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit (Teil 1)
Wie im letzten Artikel zu Egon Friedell angekündigt, bespreche ich heute sein Hauptwerk: Kulturgeschichte der Neuzeit - Untertitel: Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Weltkrieg. Der Untertitel deutet schon an, daß hier nicht irgendwelche Triebmechanismen oder soziologische Überlegungen die Hauptrolle spielen werden bei der geschichtshistorischen Aufarbeitung und Beurteilung von rund 500 Jahren Entwicklung in der Lebenswirklichkeit der Menschen, sondern der Blick vielmehr explizit auf die geistige und seelische Verfassung des Menschen an sich gerichtet wird.
Außerdem weicht Friedell vom Gros der Historiker seiner Zeit ab in der Frage der Terminierung der Neuzeit, die ja das Mittelalter als Epoche in Europa ablöst. Er setzt den Beginn der Neuzeit mit dem Ausbruch der Schwarzen Pest an, im Jahr 1348, also rund ein bis zwei Jahrhunderte früher als seine „Berufskollegen“. Warum er das tut erläutert er auch im Vorwort und dem ersten Kapitel seines Werks. Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Unterschiede zwischen Friedells Werk und dem der anderen. Sein programmatischer Ansatz und seine Deutungsweise der kulturgeschichtlichen Entwicklung stehen in der Relation zu den anderen kulturhistorischen Abrissen seiner Zeit einzigartig da.
Und nicht nur das. Friedell begründet mit bestechender Akribie, warum Historienschreibung weder objektiv sein, noch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann. Darum ist allein schon die Einführung zu seiner Version der Kulturgeschichte unbedingt lesenswert. Zunächst widmet er sich den üblichen Varianten der Geschichtsschreibung und stellt fest, daß es derer drei sind: „Eine referierende oder erzählende, die einfach die Begebenheiten berichtet, eine pragmatische oder lehrhafte, die die Ereignisse durch Motivierungen verknüpft und zugleich Nutzanwendungen aus ihnen zu ziehen sucht, und eine genetische oder entwickelnde, die darauf abzielt, die Geschehnisse als einen organischen Zusammenhang und Verlauf darzustellen.“
Warum Geschichtsschreibung nicht wissenschaftlich sein kann
Danach nimmt er diese Formen der Geschichtsschreibung unter die Lupe und schafft es auf wenigen Seiten, ein für allemal klarzustellen, daß ausnahmslos jede dieser Herangehensweisen subjektiv und von Interesse geleitet ist. Die referierende Form erhält allein durch die Auswahl und Gruppierung der Fakten bereits einen subjektiven Charakter, ohne daß es allgemeingültige Maßstäbe gäbe, die eine solche Auswahl und Prioritätensetzungen objektiv begründen könnten; erschwerend kommt hinzu, daß selbst eine referierende Geschichtsschreibung nicht darum herumkommt, Fakten zu interpretieren und zu beurteilen, Verknüpfungen zu bilden, Fragen zu stellen und Untersuchungen anzustellen.
Sollte jedoch eine referierende Geschichtsschreibung tatsächlich versuchen, objektiv zu sein, was eigentlich nur bei einer reinen Materialsammlung der Fall sein kann, dann wäre sie vielleicht als Nachschlagewerk zu gebrauchen, aber als Essay oder Abriß schlicht unlesbar. Friedell kommt zum Schluß, daß die referierende Geschichtsschreibung also entweder wissenschaftlich oder objektiv sein kann, aber nicht beides zugleich. Denn sollte einer rein objektiven Materialsammlung Wissenschaftlichkeit zugestanden werden, dann müßte dies auch für einen Rennbericht, die Börsenkurstabellen und das örtliche Telefonbuch gelten. Mit den Worten Friedells: „Sobald die referierende Geschichtsschreibung versucht, eine Wissenschaft zu sein, hört sie auf, objektiv zu sein, und sobald sie versucht, objektiv zu sein, hört sie auf, eine Wissenschaft zu sein.“
Die pragmatische Geschichtsschreibung wiederum ist ihrem Wesen nach tendenziös, und zwar gewollt. Friedell: „Sie erblickt im gesamten Weltgeschehen eine Sammlung von Belegen und Beispielen für gewisse Lehren, die sie zu erhärten und zu verbreiten wünscht.“ Damit stellt sie natürlich das genaue Gegenteil wissenschaftlicher Objektivität dar. Dennoch gesteht Friedell ihr durchaus eine gewisse Existenzberechtigung zu, denn ihre „didaktische Poesie“ ist durchaus lesenswert. Als Beispiele nennt Friedell hier u.a. Tacitus, Schiller und Carlyle.
Zur Zeit Friedells jedoch war die dritte Variante en vogue: die genetische Richtung. Diese nimmt für sich in Anspruch, historische Ereignisse anhand von Kausalität in ihrer organischen Entwicklung zu verfolgen, und zwar ohne jede Parteinahme. Hierzu bemerkt Friedell: „(…) indem sie den Begriff der Entwicklung einführt, begibt sie sich auf das Feld der Reflexion und wird im ungünstigen Fall zu einer leeren und willkürlichen Geschichtskonstruktion, im günstigen Fall zu einer tiefen und gedankenreichen Geschichtsphilosophie, in keinem Fall aber zu einer Wissenschaft.“
Naturwissenschaftliche Kriterien sind nicht anwendbar
Er weist eindrücklich darauf hin, daß der Ansatz der Naturwissenschaft nicht auf die Geisteswissenschaft übertragbar sei, da der Mensch von jeher ein höchst komplexes, polychromes und widerspruchsvolles Geschöpf ist, das sein letztes Geheimnis nicht preisgeben wird. Die Natur mag einen uniformen Charakter tragen, sie mag mit Refrains und Wiederholung arbeiten, so daß festgehalten werden kann, daß aus einem Lilienkeim immer wieder eine Lilie wird; aus einem Menschenkeim hingegen wird immer etwas noch nie Dagewesenes, nie Wiederkehrendes. Trotz der modernen Genetik, trotz der Spinnereien, irgendwann einmal Menschen klonen zu können, wird meiner Meinung nach dieser Satz immer Bestand haben. Denn der Mensch ist eben auch zu einem erheblichen Teil Kulturwesen und seine individuelle Entwicklung nicht vorhersehbar, den Spekulationen und Pseudobeweisen der Behaviouristen zum Trotz.
Davon ganz abgesehen ist Friedell zudem der Überzeugung, daß der Ansatz der genetischen Geschichtsschreibung, „ebenso streng wie die Naturforschung wissenschaftlich Ursache und Wirkung ergründen zu können“, auf einer absoluten Täuschung beruht, denn die „historische Kausalität ist schlechterdings unentwirrbar, sie besteht aus so vielen Gliedern, daß sie dadurch für uns den Charakter der Kausalität verliert.“ Mittlerweile wird ja sogar in der modernen Naturwissenschaft diese Tatsache akzeptiert. Friedell zieht für sich daraus den Schluß, daß historische Bewegungen und ihre Gesetze nicht nachprüfbar sind, sondern lediglich nachgeschaffen werden können. Friedell: „Der einzige Weg, in die historische Kausalität einzudringen, ist der Weg des Künstlers, ist das schöpferische Erlebnis.“
Drittens schließlich erweist sich auch die Forderung der Unparteilichkeit als völlig undurchführbar. Friedell nennt genügend Beispiele, um aufzuzeigen, daß der Geschichtsforschung zwar gar nichts anderes übrig bleibt, als zu werten, eine objektive Werteskala jedoch nicht existiert, und somit die Wertung des Historikers mit jahrzehnte- oder gar jahrhundertelangem Abstand deshalb auch oftmals von der allgemeinen Wertung der Gesellschaft der Zeit, die er sich zu Gemüte führt, eklatant abweicht. Der Ansatz, das als historisch zu betrachten, was wirksam ist, ist laut Friedell ebenfalls ein untaugliches Mittel.
Denn zum einen ist es eine Frage des Blickwinkels, die Kräfte und Erscheinungen in der Geschichte angemessen zu bewerten – so wird ein Ökonom sicherlich andere Prioritäten setzen als ein Theologe oder ein Psychologe – und zum anderen besteht überdies das Problem, daß ein großer Teil der historischen Wirkungen laut Friedell „unterirdisch verläuft und oft erst sehr spät, bisweilen gar nicht ans Tageslicht tritt (…) wir können tiefere Zusammenhänge nur ahnen, niemals lückenlos beschreiben.“ Und auch die Fakten sind mit Vorsicht zu genießen, da in der Regel erhalten gebliebene Dokumente und Zeugnisse der Zeit immer die Zeugnisse der Sieger und Herrschenden sind, während die der Verlierer nicht selten vernichtet wurden.
Geschichtsschreibung – ein hoffnungsloses Unterfangen?
Alles in allem kommt Friedell konsequenterweise zu dem Schluß, daß die Lage des Historikers also vollkommen hoffnungslos wäre, böte sich ihm nicht ein Ausweg, der in einem Ausspruch von Goethe angedeutet ist: „Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat.“ Und genau hier hakt Friedell ein, wenn er sagt, daß Vollständigkeit und „Wissenschaftlichkeit“ eine unerfüllbare Fiktion darstellen und vielmehr ein dichterischer Umgang mit der Materie gefordert ist. Denn die Geschichte der Menschheit besteht ohnehin in einer fortwährenden Uminterpretierung der Vergangenheit.
Denn jedes Zeitalter, ja fast jede Generation hat ihre eigenen Ideale, und mit dem Ideal ändert sich der Blick in die einzelnen großen Abschnitte der Vergangenheit. Auch Paradigmen wechseln, und so ist Geschichtsdeutung auch nichts anderes als Hypothese, der augenblicklichen philosophischen Mode unterworfen. „Wo das Leben beginnt, hört die Wissenschaft auf; und wo die Wissenschaft beginnt, hört das Leben auf“, sagt Friedell und fügt hinzu, daß „Geschichtsschreibung Philosophie des Geschehenen“ ist. Doch „daß die Dinge geschehen, ist nichts; daß sie gewußt werden, ist alles.“
Aber was genau versteht Friedell nun darunter? Natürlich meint er nicht das reine Faktenwissen. Er meint das Wesen der Dinge, das Erfassen des jeweiligen Zeitgeistes, die Berücksichtigung sämtlicher menschlicher Lebensäußerungen (was dazu führt, daß er auch das, worüber Historiker sonst die Nase rümpfen, mit einbezieht, bspw. den Tand, die Unterhaltungskultur, Mode und Geschmäcker). Gleichzeitig jedoch macht er darauf aufmerksam, daß wir „alles, was wir von der Vergangenheit aussagen, von uns selbst aussagen. Wir können nie von etwas anderem reden, etwas anderes erkennen, als uns selbst. Aber indem wir uns in die Vergangenheit versenken, entdecken wir neue Möglichkeiten unseres Ichs, erweitern wir die Grenzen unseres Selbstbewußtseins, machen wir neue, obschon gänzlich subjektive Erlebnisse. Dies ist der Wert und Zweck alles Geschichtsstudiums.“
Und so besteht Friedell darauf, daß er in seinem Buch nichts anderes als „die heutige Legende von der Neuzeit“ erzählen wird. Und dies ist nach seinen weiteren Ausführungen nur möglich, wenn der Verfasser zum einen akzeptiert, daß wir die Welt immer nur unvollständig sehen; und zum zweiten dies sogar mit Willen betreibt, denn nur dann kann der nötige künstlerische Aspekt seine Wirkung entfalten. Fragment und Ausschnitt, Akt und Torso, Auslassung und Unterstreichung, Übertreibung und Eigentümlichkeit sind hier die Gestaltungselemente, die – richtig angewendet – das Wesentliche erfassen und es schärfer und einprägsamer herausstellen als die ausführlichste Schilderung.
Deshalb ist es weniger ein Bonmot, sondern durchaus ernstgemeint, wenn Friedell über sein Werk schreibt: „Es tut ja nur so, als ob es eine Kulturgeschichte wäre, während es in Wirklichkeit etwas ganz anderes ist.“ Und das ist es in der Tat. Denn er wählt nicht jene Scheinseriösität, mit der sich viele Professoren gerne ummänteln; er versucht auch nicht, den Fachexperten zu imponieren; sondern er wählt die „Anekdote in jederlei Sinn als die einzig berechtigte Kunstform der Kulturgeschichtsschreibung“ – ohne den Boden des Schulwissens unter den Füßen zu verlieren, mit einer Ausnahme: der Terminierung des Beginns der Neuzeit. Da bereitet er den Boden neu. Dazu mehr am nächsten Samstag im zweiten Teil.


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