4. Advent - Luigi Nono – Das Chorwerk „Il canto sospeso“
Zum Abschluss der musikalischen Adventsreihe stelle ich ein Werk vor, dem zehn Abschiedsbriefe junger Frauen und Männer aus Griechenland, Bulgarien, Polen, Rußland, Italien und Deutschland zugrundeliegen, die als Widerstandskämpfer im 2. Weltkrieg von Wehrmacht und SS hingerichtet wurden.
Den heutigen letzten Sonntag vor der Weihnacht möchte ich nun folgerichtig (nicht nur) jenen Widerstandskämpfern widmen, lautet der Leitsatz des 4. Advent doch „Rorate, coeli desuper, et nubes pluant iustum“ (deutsch: Tauet, ihr Himmel, von oben, und die Wolken sollen herabregnen den Gerechten).
Aus diesem Grunde ist es natürlich naheliegend, das 1956 von dem Italiener Luigi Nono komponierte Chorwerk Il canto sospeso – uraufgeführt am 24. Oktober 1956 unter der Leitung von Hermann Scherchen in Köln – vorzustellen und zu besprechen. Es hat eine Vor- und eine Nachgeschichte, die auch für den Schulunterricht nicht ganz uninteressant sein dürfte. Vorweg jedoch zunächst einige Worte zum Komponisten.
Luigi Nono – Komponist und Kommunist
Der am 29. Januar 1924 geborene Venezianer erhielt bereits ab 1941 Kompositionsunterricht. Auf Wunsch der Familie studierte er jedoch zunächst Jura, das er mit Promotion abschloss. Danach wendete er sich recht schnell erneut dem Kompositionsstudium zu. 1948 lernte er den deutschen Dirigenten Hermann Scherchen kennen, dem er es auch zu verdanken hat, sich intensiv mit der deutschen Musiktradition und den Werken von z. B. Schönberg und von Webern auseinandersetzen zu können.
In den 1950er Jahren arbeitete Nono mit den Techniken der Schönbergschen Zwölftonreihe, variierte und erweiterte sie, indem er u.a. mit komplizierten Spiegeltechniken operierte und mit auseinanderstrebenden Intervallen. 1952 trat er der italienischen KP bei. Bei einer Schönberg-Aufführung zwei Jahre später lernte Nono dessen Tochter Nuria kennen, der er ein Liebeslied für gemischten Chor und Instrumente widmete und die er 1955 heiratete. Als einer der führenden Vertreter der neuen seriellen Musik wurde er in einem Atemzug mit Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez genannt.
Die 1960er Jahre brachten einige Änderungen in Nonos Schaffensweise. Zum einen war es dem Komponisten ein großes Anliegen, daß seine Werke in allen sozialen Schichten rezipiert wurde, zum anderen erweiterte er das innerhalb seiner Kompositionen verwendete Instrumentarium um elektronische Klänge bis hin zum Einbau von Geräuschen. So wurden z.B. Diskussionskonzerte mit Aufführungen in Fabriken organisiert, die tausende Zuhörer aus der italienischen Arbeiterschaft anzogen. In vielen seiner Werke prangerte er soziale Mißstände an, thematisierte den Holocaust, und ging dabei akustisch bis an die Grenze des Erträglichen, Lautstärke und Dichte betreffend.
Doch seit dem Ende der 1970er Jahre wendete sich zunehmend davon ab, seine avantgardistische Tonsprache weiterhin mit politischem Agitprop zu verbinden, da er dies als musikalische Sackgasse empfand. In der Folge widmete er sich konsequenterweise der Erforschung subtilerer Klangnuancen. Die Erkundung des Einzelklangs und dessen Entstehung bildete in den darauffolgenden Jahrzehnten Luigi Nonos Schwerpunkt, was in seinen Spätwerken dazu führte, daß sich seine Kompositionen oft bis an die Grenze des Verstummens bewegen. Die Suche nach immer neuen Klängen und Perspektiven der akustischen Wahrnehmung wurden letztendlich zum eigentlichen Ziel seiner Kompositionen.
Luigi Nono, der sich trotz strenger Architektonik in seiner Musik stets das Subjektive bewahrte und auch den Wandel - als Sinnbild der Ästhetik – nicht scheute, starb am 8. Mai 1990, in genau dem Jahr, in dem ihm der Große Berliner Kunstpreis für Musik verliehen worden war.
In Musik gegossene Anklage gegen die Gewalt
Vorgeschichte: 1954 erschien in Turin der Sammelband „Lettere di condannati a morte della Resistenza Europea”, 1955 in Zürich mit einem Vorwort von Thomas Mann in deutscher Sprache: „Letzte Briefe zum Tode Verurteilter aus dem europäischen Widerstand“. Luigi Nono, der diesen Band gelesen hatte, war von den Briefen erschüttert. „Die Botschaft jener Briefe der zum Tode verurteilten Menschen ist in mein Herz eingegraben…“, so Nono.
Aus zehn dieser Briefe faßte er ausgewählte Zeilen zusammen, die die textliche Basis seiner Komposition Il canto sospeso bilden sollten. Nono zerlegte die Sprache in Silben, um sie zu „musikalisieren“ und somit kompositorisch besser verarbeiten zu können. Diese knapp 30minütige Vertonung der Abschiedsbriefe für Sopran-, Alt- und Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester, ist sicherlich eines der bekanntesten Werke Nonos, in jedem Fall aber eines der wichtigsten Musikwerke unserer Zeit.
Die in zehn Abschnitte aufgeteilte Komposition beginnt instrumental, um dann mit einem A Capella Chor und anschließenden Solostimmen, begleitet von dissonanten Orchesterklängen, in die Materie einzutauchen. Nach einem dramatischen Zwischenspiel des Orchesters folgen Tenorsolo, Chorgesang und Sopransolo, Sopransolo mit Frauenchor – allesamt expressiv unterstützt vom Klangkörper des Orchesters -, die die jeweilige Stimmung des ausgewählten Textmaterials musikalisch widerspiegeln. Nach einem weiteren instrumentalen Abschnitt formt ein Chorgesang, nur von Pauken begleitet, ein eindringliches Finale.
Nachgeschichte: Angesichts einer Welle der Gewalt gegen Andersdenkende und Ausländer im „wiedervereinigten“ Deutschland zu Beginn der 1990er Jahre gab es im Dezember 1992 eine Neueinspielung des Werks von Luigi Nono unter der Leitung seines langjährigen Freundes Claudio Abbado im Rahmen eines Konzerts. Erweitert wurde es durch das Vorlesen aus den zehn von Nono ausgewählten Abschiedsbriefen, dafür konnten Susanne Lothar und Bruno Ganz gewonnen werden. Daher möchte ich geneigten LeserInnen diese CD-Einspielung empfehlen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß sich neben Il canto sospeso auf dem Tonträger noch die Kindertotenlieder von Mahler finden.
Das Nonoprojekt
Abschließend möchte ich noch auf ein besonders unterstützenswertes Projekt aufmerksam machen, an dem wiederum Claudio Abbado, Susanne Lothar und Bruno Ganz beteiligt sind. Das Nonoprojekt ist eine Initiative im Rahmen einer europaweiten Kooperation von IncontriEuropei und dem Netzwerk Le Scuole die Pace mit dem Ziel, „eine täglich erlebbare Basis für gegenseitiges Verstehen, für Toleranz und Menschlichkeit“ zu fördern. Besonders junge Menschen sollen dabei angesprochen werden.
Grundlage bildet neben Dokumentationen und Textmaterialien eine DVD mit dem Film „Luigi Nono – Il canto sospeso“, der auf der oben erwähnten Aufführung basiert und u.a. um Dokumentaraufnahmen aus Konzentrationslagern erweitert ist. Die DVD ist für Lehrer kostenlos erhältlich, da der Film in Hinblick auf die Verwendung im Unterricht konzipiert wurde.
Da ich die Idee gut finde, mal auf etwas andere Weise (interdisziplinär) Sozialkunde, Politik, Kunst und Geschichte im Unterricht zu gestalten, gestatte ich mir einfach mal diese Anregung, verbunden mit der Hoffnung, daß sie vielleicht von der einen oder anderen Schule aufgegriffen wird, denn der Videofilm (Länge ca. 50 Minuten) ist ein sehens- und hörenswertes Dokument gegen jede Art von Diktatur, Faschismus und Gewaltanwendung.
Nachbemerkung: Diese Folge beschließt die im November gestartete „Feiertagsreihe“ mit Vorstellungen von Werken klassischer Musik. Zu Weihnachten wird es einen Beitrag geben, der sich mit Herkunft und Tradition des Weihnachtsfests beschäftigt und einerseits ein paar Anekdoten enthält, andererseits aber auch nicht ganz kritiklos sein wird, den Umgang der Menschen mit diesen Festivitäten betreffend.


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