Weihnachten – Silvester – Jahresendzeit – Streßzeit?
Nachdem ich am 1. Weihnachtstag eine kleine Sammlung von Wissenswertem zu diesem Fest veröffentlicht habe, möchte ich in diesem Beitrag durchaus mal etwas kritischer den Umgang der Menschen mit diesem Fest und den Tagen danach bis Silvester begutachten. Denn wenn ich zurückdenke an meine Kinderzeit, dann stelle ich fest, daß zwar der Konsum noch nicht alles in der Weise beherrscht hat, wie es heutzutage der Fall ist, doch gleichzeitig muß ich leider ebenso feststellen, daß meine Eltern sich seinerzeit genausowenig mit den Hintergründen der Festivitäten auseinandergesetzt haben wie viele Menschen heute.
Eine handvoll Kindheitserinnerungen
Bei meinem vorigen Beitrag kam die Krippe und ihre Bedeutung leider etwas zu kurz, darum möchte ich das hier nun nachholen und dies gleichzeitig auch benutzen, um deutlich zu machen, wie wenig sich bereits meine Eltern mit der Materie beschäftigt haben, mit der sie herumhantierten: Weihnachten, seine Bedeutung und ihr (sogenannter) christlicher Glaube.
Denn wir hatten zuhause stets einen Weihnachtsbaum, meist eine Fichte; später wurde mit künstlichen Weihnachtsbäumen herumhantiert, so in den 1970ern; da gabs Bäume, die zurechtgebogen werden konnten, und es gab Bäume, die zusammengesteckt wurden – die hatten natürlich allesamt den Vorteil, daß sie nicht nadelten.
Dazu gabs Weihnachtsschmuck; ebenfalls Tand vom Feinsten: Weihnachtskugelsets aus dem Versandhaus, natürlich preiswert; dazu abwechselnd silber- oder goldfarbene Plastikspitzen, die mehr schlecht als recht angebracht werden konnten: bunte Bimmeln aus porzellanartigem Material kamen auch noch hinzu; dazu gabs dann Weihnachtslieder von Schallplatte (später von CD, aber da war ich bereits erwachsen). Als ich noch wirklich klein war (so mit 4 bis 8 Jahren) wurde von meinen Eltern sogar eine (Kunststoff-)Krippe aufgebaut. Diese Krippe wurde alljährlich aus dem Keller hervorgekramt (meist wurde sie zuvor fluchend gesucht).
Jedes Jahr fehlte etwas mehr, doch das spielte keine Rolle. Aufgebaut wurde sie an Heilig Abend, mit allem, was da war. Seit ich mich mit Weihnachten kritisch auseinandersetze weiß ich, daß das falsch ist; wohlgemerkt: als kritischer und ablehnender Mensch weiß ich mehr über das Weihnachtsfest als Leute wie meine Eltern und eine Menge anderer Verteidiger, die regelmäßig feiern. Die Krippe greift nämlich auf das mittelalterliche Krippenspiel zurück, das (historisch ungesichert) vom Heiligen Franziskus in die Feierlichkeiten eingeführt wurde.
Die Sache mit der Krippe
Nach altem Brauch allerdings hätte die Krippe bereits am 1. Advent aufgestellt werden müssen, und zwar leer oder aber mit Viehzeugs (Esel, Ochse). An Heilig Abend dürfen dann Maria und Joseph in die Krippe gestellt werden, in der Nacht zum 1. Weihnachtstag folgt das Christkind, kurze Zeit darauf die Hirten, und erst am 6. Januar (Heilige Drei Könige) werden dann die drei Könige/Weisen aus dem Morgenland in die Krippe postiert, zusammen mit dem Stern von Bethlehem, der auch noch zum festen Repertoire gehört. Kurz gesagt, meine Eltern bestanden auf ein Ritual, dessen Bedeutung sie nicht kannten und dessen Sinn ihnen offensichtlich auch völlig egal war, was eben dieses Ritual so hohl werden ließ.
Ich gebe ja zu, als Kind machte ich mir darüber keine Gedanken, da interessierten mich in erster Linie die Geschenke und Süßigkeiten, ab der Pubertät fand ich Weihnachten nervig wegen der Verlogenheit des „Heile Welt“-Spielens, obwohl meine Eltern nicht zu denen gehörten, die meinten, unbedingt zu Weihnachten in die Kirche rennen zu müssen, und seit etwa dem 16. Lebensjahr feiere ich zu Weihnachten gar nicht, weil ich meine, daß es da nichts zu feiern gibt – aber das ist meine persönliche Einstellung; jahrelang machte ich leider die Erfahrung, daß diese Sichtweise innerhalb der Familie und auch im Bekanntenkreis nicht wirklich akzeptiert werden konnte.
Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, die anderen kritisiert zu haben, weil sie Weihnachten feiern, aber rückblickend kann ich sagen, daß meine Nichtwilligkeit wohl als Angriff gesehen wurde, den es abzuschmettern galt. Damals verstand ich das nicht, heute ist es mir klar: wer selbst nicht mehr recht dran glaubt, was er da treibt, aber nicht loslassen will, betrachtet jeden als Gefahr, der losgelassen hat; das gilt übrigens nicht nur für solche Dinge wie Weihnachten.
Waren vor 40 Jahren die Feiernden bewußter?
Meine Kindheitserfahrungen mit Weihnachten unterscheiden sich wahrscheinlich nicht großartig von den Erfahrungen, die die heutigen Kinder wohl machen. Denn ich bin überzeugt davon, daß nicht nur zu meiner Zeit bereits im Vorfeld die Streitereien der Eltern über die Liste der Einladungen, über den Streß, wessen Eltern zuerst besucht werden, über zu viel Alkohol und mißglückten Braten und hinter Lächeln verborgener Enttäuschung über geschmack- und einfallslose oder ganz und gar unpassende Geschenke und über falschen Geiz im Gange waren und die Stimmung trübten, was dann vor den Kindern versucht wurde zu kaschieren, meist erfolglos, denn Kinder sind nicht dumm.
Vielleicht gab es während meiner Kindheitszeit die Depressionen noch nicht so stark, und vielleicht waren die Agressionen noch nicht so mörderisch wie heute, dafür gabs sicherlich mehr Brände, denn ich kann mich tatsächlich an echte Kerzen erinnern, die am Baum angebracht wurden (zumindest bei den Großeltern war das so) und das Licht verbreiteten. Doch mit dem heutigen Abstand kann ich mit Fug und Recht sagen, daß damals bereits das gleiche Unwissen, gepaart mit Desinteresse am eigentlichen Gegenstand der Feier herrschte; das ist also wohl keine moderne Unart.
Modern und populär scheint mir allenfalls der Gedanke zu sein, das Fest abzuschaffen; prinzipiell fände ich das in meiner Eigenschaft als religiöser Atheist ja ganz gut, doch leider sind die Motive die falschen, so daß es mich tatsächlich grauselt: fast jeder Fünfte möchte Weihnachten am liebsten ganz abschaffen, wegen des Stresses (!) und weil oft dicke Luft herrscht (!). Es ist nicht etwa so, daß diese Menschen mal ihre Lebensweise, ihre Ehe und ihre Denke hinterfragen, nein, weit gefehlt. Weihnachten hat Schuld; weil über Weihnachten muß man(n) zuhause bleiben – was für ein geistiges und emotionales Armutszeugnis.
Da wundert es mich nicht, in den Zeitungen von häuslicher Gewalt zu lesen, von Pöbeleien, Schlägereien und gar Messerstechereien unter Eheleuten, Paaren und innerhalb der Familie. Das Fest der Liebe – garniert von sinnentleerten Fernsehansprachen und vage-verschwurbelten, verärgernden Bischofsreden – mutiert zum Flucht-, Suizid- und Mordsfest. Einmal ganz abgesehen vom Konsumterror davor und danach.
Das heruntergekommene Fest
Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da hatte ich bereits am 2. Weihnachtstag eine Werbe-email von einem Online-Auktionshaus im virtuellen Postkasten, der mich dazu einlud/aufforderte, doch so rasch wie möglich alles zu verscherbeln, was mir entbehrlich erscheint (weils mir nicht gefällt oder weil ichs doppelt habe oder auch ohne Grund). Voriges Jahr gab es dann erst nach den Feiertagen eine eher zurückhaltende mail. Dieses Jahr habe ich noch keine bekommen bis jetzt. Ob sich da die Leute wohl doch ein wenig angewidert gezeigt haben? Das ließe ja hoffen!
Trotzdem, ich kann nicht verstehen, wenn der Konsumterror sogar noch in Schutz genommen wird, wie z.B. von einem unserer Mönche auf der Reichenau bei einem Interview des örtlichen Werbeblättchens, der auf die Frage nach dem verfehlten Sinn des Weihnachtsfests wegen des Kommerzes antwortet: „Die Menschen geben sich dem Kommerz ja nicht grundlos hin. Dies ist ein Ausdruck der Liebe.“ Ja geht’s noch? Das ist beinahe noch unerträglicher als das Gewäsch der gar so christlichen Prediger auf und ab im Lande, die allesamt das Fehlen des Sozialen anmahnen, nachdem sie jahrelang die Politik, die dazu geführt hat, enthusiastisch mittrugen und via Caritas, Diakonie und Co auch gute Geschäfte damit mach(t)en.
Ich wünschte, Politiker würden mal das Maul halten
Ich habe das Jahr über versucht, die Politik aus meinem Blog rauszuhalten, es ist mir im Wesentlichen auch gelungen (auch wenns manchmal doch sein muß, siehe bspw. bei den Diamanda Galas-Artikeln), doch zu Weihnachten – auch wenn ich wie gesagt mit dem Fest herzlich wenig verbinde – würde ich mir doch wünschen, daß Politiker (zu denen ich auch hohe Würdenträger von Kirche, Wirtschaft und Co zähle) wenigstens zum Jahresausklang hin mal ihre verlogenes Mundwerk halten würden.
Ich verstehe auch nicht, warum Menschen zu glauben meinen, sie könnten an wenigen Tagen im Jahr alles, was sich sonst so im Verlauf des Jahres abspielt, vergessen machen, um dann heile Welt zu spielen – nur um danach umso heftiger fortzufahren im Kampf „jeder gegen jeden“. Ich verstehe auch nicht, warum Menschen meinen, ausgerechnet zu Weihnachten die Kirchen stürmen zu müssen, die sie sonst das Jahr über nicht betreten.
Da verstehe ich schon eher den Mann, der laut einer dpa-Pressemeldung an Heilig Abend auf einer Polizeiwache aufkreuzte, um sich in Gewahrsam nehmen zu lassen. Gerade ein halbes Jahr aus der Haft entlassen, einsam, arbeitslos, alkoholisiert, dachte er sich wahrscheinlich: der Knast ist mir vertraut, da fühle ich mich wohler als hier draußen. Vermutlich zu recht. Das ist das Traurige an der ganzen Angelegenheit.
Ich glaube nicht, daß allzuviele Menschen diese Tage dazu genutzt haben, um ein wenig zur Besinnung zu kommen, denn das müßte sich dann doch recht konkret in der Gesellschaft widerspiegeln, was nicht der Fall ist und sein wird. Ich glaube sogar eher, daß eine Menge Menschen aufatmen werden, wenn sie endlich wieder dem Kreis der „Liebenden“ entfliehen können durch Arbeiten und „Schichten kloppen“, wie mies das auch bezahlt sein sollte in diesem Land.
Trotzdem oder geradedrum wünsche ich denen, die noch zur (Selbst-)Reflektion in der Lage sind, eine paar ruhige, gelassene und erholsame Tage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr, vorzugsweise ohne all die erhabenen Besserungs- und Änderungsschwüre, die ohnehin im Januar bereits den diversen Realitäten wieder zum Opfer fallen. Das war auch mein letzter Beitrag in diesem Jahr. Wir lesen uns wieder im Januar 2010.


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Dienstag, 29. Dezember 2009 um 16:51
[...] verdrängen konnte. Und damit beschließe ich nun auch den ersten Teil meines Beitrags. Der zweite Teil folgt dann nach den Feiertagen (am Montag oder Dienstag) und wird sich dann mit dem heutigen Umgang [...]
Donnerstag, 31. Dezember 2009 um 12:04
Ich wünsch dir auch einen guten Jahreswechsel, und wieder mal Danke für einen Text den man besser mehrmals liest.
Donnerstag, 31. Dezember 2009 um 13:38
Danke für die netten Worte ;-)
Mittwoch, 6. Januar 2010 um 13:44
Schöner Artikel!
Solche Texte vermisse ich von Dir. Schreib ruhig öfters über Deine Gedanken! Die Seite ist nämlich sehr Klassik lastig geworden ;-)
Sonntag, 10. Januar 2010 um 15:40
Hi epikur, danke für Lob, Kritik und Anregung. Ich weiß, war viel Klassik - aber das hing mit der Reihe zusammen (November, Advent, Weihnacht). 2010 wird wahrscheinlich tatsächlich mehr “Geplauder” sein, weniger Klassik, mehr PopRockFilmLiteratur und und und… :-)
Sonntag, 10. Januar 2010 um 15:43
[...] Auszeit ist zu Ende. Ehrlich gesagt erkenne ich zum abgelaufenen Jahr keine Unterschiede. Da ich im letzten Dezemberbeitrag ein paar Worte zur Politik verlor, was sich nicht vermeiden ließ, verliere ich auch in meinem [...]