de tempore

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Blick zurück nach vorn

 
2010 ist nun 10 Tage alt und meine kleine Auszeit ist zu Ende. Ehrlich gesagt erkenne ich zum abgelaufenen Jahr keine Unterschiede. Da ich im letzten Dezemberbeitrag ein paar Worte zur Politik verlor, was sich nicht vermeiden ließ, verliere ich auch in meinem ersten Januarbeitrag einige, aber zur Regel wird das sicher nicht. Mein Verhältnis zur Politik ist mit dem Wort „Enttäuschung“ recht gut beschrieben, in zweierlei Hinsicht.
 
Zum einen verstehen die meisten Menschen unter dem Begriff natürlich den daraus resultierenden emotionalen Zustand, bestehend aus einem bitteren Gefühl der Ohnmacht, dem Wunsch, alles hinzuwerfen, einer Art Wut über das, was da kaputt ging oder gemacht wurde durch Lüge, Unaufrichtigkeit, Dummheit, Ignoranz oder auch Gefühkskälte; auf der anderen Seite heißt „Enttäuschung“ eben auch Ent-Täuschung, die Täuschung hat also ein Ende, ist aufgeflogen, aus dem Schatten ans grelle Licht gezerrt worden.
 
Blick aus dem ArbeitszimmerWie in meiner Kurzbio hier auf diesem Blog zu lesen ist, bin ich in einen Arbeiterhaushalt hineingeboren worden. Meine Mutter stammt allerdings aus einem eher kleinbürgerlichen Milieu, ihre Eltern kamen aus der Eifel ins Ruhrgebiet und waren streng katholisch. Was bei meiner Mutter davon übrig blieb war ein kurzes, dahingehuschtes Segnungszeichen vor dem Mittagessen und einige Fixtermine im Jahr, von denen ich einen zu Weihnachten/Neujahr beschrieben habe.
 
Reflektion? In der Bundesrepublik? Fehlanzeige!
 
Mein Vater ist kulturlos. Ich wüßte nicht, wie ich es anders ausdrücken sollte. Ich kann mich nicht erinnern, ihn bspw. jemals ein Buch lesend gesehen zu haben; Lesen beschränkte sich auf die Tageszeitung – selbst Magazine blätterte er höchst selten einmal durch. Irgendwo habe ich mal gelesen, daß Büchergeschenke an Männer meist aus großformatigen Bilderbänden bestünden – nun, es könnte durchaus daran liegen, daß bunte Bildchen wenigstens zum Durchblättern animieren, während eine sogenannte Textwüste auf Männer wie meinen Vater abschreckend wirkt.
 
Wobei ich da nicht einmal den soziologischen Hintergrund meine, sondern eher die Generationenfrage aufwerfen möchte. Es ist die Generation derer, die als Kind in Trümmern groß wurden, die in einer Zeit der absoluten Verdrängung und Lüge auswuchsen, denn das „Dritte Reich“ war gerade erst untergegangen, und alle Deutschen wurden ruckzuck zu waschechten Demokraten amerikanischer oder zu waschechten Kommunisten sowjetischer Prägung. Diese generierten sich als antifaschistisch, unsere Seite hatte nicht einmal ein Meinungsbild zur eigenen jüngsten Vergangenheit (auch 1968 war für Menschen wie meine Eltern kulturell und politisch nicht andersartiger als z.B. 1960 oder 1980).
 
Stattdessen wurde wieder aufgebaut. Während die DDR die Nationalhymne mit „Auferstanden aus Ruinen…“ beginnen ließ, geschah dies ganz realiter und pragmatisch in der noch jungen, neuen Bundesrepublik, verbunden mit Sanierungswut und einem „Wirtschaftswunder“, das es möglich machte, daß selbst die „kleinen Leute“ sich einen mehr oder weniger bescheidenen Wohlstand erarbeiten konnten, zu ihren (Reihen-)Häuschen kamen und sich den obligatorischen Zweitwagen erlauben konnten – von all dem Elektrofirlefanz, den Ledergarnituren, Einbauküchen und Sammlerschnickschnack gar nicht zu reden.
 
Meine Literatur bestand aus Heftromanen, mein politisches Verständnis war naiv
 
Die hohe Zeit der sozialen Marktwirtschaft und des „rheinischen Kapitalismus“. Inwiefern das nun gut oder schlecht, echt oder unecht war, lasse ich mal dahingestellt, da es nicht mein Thema ist. Tatsache ist aber, daß ich in einem solchen kulturfernen Klima aufgewachsen bin, daß es schon arg verwunderlich ist, warum ich anfing, Musik und Lesen zu meinen Hobbies zu machen; mit 10 etwa verschlang ich die alten Abenteuerromane für Kinder und Jugendliche, die meist noch aus den 1950er Jahren stammten, mit 14 etwa fing ich an, Horror- und Gruselromane zu lesen und zu sammeln; ja, genau, die Hefte für 80 Pfennig, 1 Mark, dann 1,20 Mark. Es gab Unmengen an Reihen: Dämonenkiller, Dr. Morton, Geisterkrimi, Gespensterkrimi, Z-Silber-Gruselkrimi, Macabros, Vampir-Horror-Reihe, um nur einige wenige zu nennen.
 
Mit 18 kutschierte ich rund 1500 dieser Hefte in drei großen blauen Müllsäcken auf dem Rücksitz meines Käfers durch die Gegend auf der Suche nach einem An- und Verkauf oder einem Tauschladen (so was gabs damals noch, Anfang der 1980er Jahre, da wurden Heftromane getauscht, 1 für 2), um die Dinger los zu werden, da meine Sammelleidenschaft erloschen und mein Anspruch gestiegen war. Kurz gesagt, ich wurde sie los für 200 Mark. Ich weiß also sehr genau, was „Vermögensvernichtung“ bedeutet (damals freilich noch nicht).
 
Wie dem auch sei. Hatte ich mich schon in der Schule „politisch“ engagiert, als Klassensprecher, so nahm dieses Engagement seinen Fortschritt während meiner Ausbildung. Vertrauensmann (Gewerkschaft), später Jugendvertreter; zum Betriebsrat brachte ich es nicht, da ich nur ein Jahr nach Abschluß der Ausbildung die Firma verließ. Im Ersatzdienst ging das Engagement weiter, schließlich trat ich aus der Gewerkschaft aus und bei den Grünen ein (das war 1983). Damals gabs noch nicht die Flügel der „Fundis“ und „Realos“, zumindest nicht in Duisburg. Das kam erst ein paar Jahre später. Und da stieg ich angewidert aus.
 
Übrigens, da sollten die Linken aufpassen; es wurde übel in Duisburg bei den Grünen, als all die marxistisch-leninistischen Splittergrüppchen, karrieregeilen Jusos und Dauerstudenten die Partei infiltrierten, um sich dort breit zu machen. Ich bin bestimmt kein Bürgerlicher, aber was ich da seinerzeit erlebt habe, war sehr, sehr abschreckend; an sinnvoller, thematischer und praktischer Arbeit war nicht mehr zu denken. Das wars dann auch für mich, was Parteipolitik betrifft, für die nächsten 20 Jahre. Es folgte eine lange Phase an politischer Arbeit in unabhängigen Initiativen, vornehmlich im Bereich Jugend, Kunst und Kultur.
 
Kaum etwas ist unerträglicher als alternde Revoluzzer
 
Erst Schröders Agenda 2010 mit dem wohl verbrecherischstem Gesetz (Hartz IV), das in der Bundesrepublik jemals verabschiedet wurde, brachte mich zurück in die aktive Parteipolitik. Ich trat Ende 2007 bei der Linken ein und bin (noch) Mitglied, habe allerdings nach etwa einem Jahr die Nase voll gehabt von all den „revolutionären Kleinbürgern“, die viel reden, sich noch mehr aufregen, faktisch aber so gut wie nichts tun, um an den Zuständen wirklich etwas zu ändern.
 
Ich mußte einmal mehr feststellen, daß es nur zwei Arten Menschen gibt in Parteien und Gewerkschaften: rücksichtslose, gewissenlose Egoisten, die den Apparat dazu nutzen, ihre Karriere voranzutreiben – und die „ewigen Revoluzzer“, die einen auf Anarchist und Sozialromantiker machen, obwohl sie doch schon längst zu denen gehören, die sie zu bekämpfen vorgeben. Ich denke, ich kann es mir erlauben, diese Urteile zu fällen, ich habe rund 30 Jahre Erfahrung damit; und nach langer Zeit der parteipolitischen Abstinenz feststellen zu müssen, daß sich da nichts geändert hat, ist durchaus schmerzlich, aber eben auch ent-täuschend.
 
Diese Ent-Täuschung war auch im Sptember letzten Jahre der Grund, warum ich mein Blog „Amok Koma“ einstellte: es machte keinen Sinn mehr für mich, gegen die dummdreiste Tagespolitik und die Politmafia in Berlin anzuschreiben. Bereits de tempore hatte ich im Februar unter anderem deshalb eröffnet, um vor lauter Tagespolitik nicht zu veröden und zu verblöden – denn die größte Kraft, die beste Lebensmotivation zog ich immer schon aus dem, was gemeinhin mit Kunst und Kultur bezeichnet wird; obwohl ich dies weiter umfasse, als es in Intellektuellen-Kreisen wohl der Fall ist. Ich bin Nicht-Akademiker, ich bin Autodidakt, und ich saß stets zwischen den Stühlen, egal, was ich gerade machte.
 
Vielleicht ist es bei meiner Generation einfach zwangsläufig so: mit Eltern, die kultur- und politikfern, vollkommen materiell ausgerichtet sind, mit ihren Gefühlen nicht umgehen können, sind Ausbruch und Aufbruch zu neuen Ufern fast vorprogrammiert gewesen, egal, in welche Richtung. Meine Richtung war zunächst die der Gewerkschaft, später folgte die Parteipolitk, das Soziale war immer wichtig und ist es auch heute noch für mich; aber die Entdeckung von Philosophen, von Schriftstellern, Theater und Kunst im Allgemeinen (wozu auch Religionsphilosophie zählen und Psychologie) hat mich wirklich wachgerüttelt.
 
Und so kann ich sagen, daß ich beinahe wider besseren Wissens noch mal Tagespolitik betrieb, hier in Konstanz bei den Linken und mit ehrenamtlichen Tätigkeiten im sozialen Bereich; und mit „Amok Koma“ im Netz – das bereue ich auch nicht, aber eigentlich weiß ich es besser: der Zustand dieses Landes, der Zustand der Welt hat massiv mit dem Zustand der Herzen und des Intellekts der Menschen zu tun, und zwar der Menschen, die regieren, und der, die sich regieren lassen.
 
Grundsätzliches zum Abschluß
 
Wenn es zu kämpfen gilt, dann geht es im Wesentlichen darum, die Vorherrschaft der falschen Denke zu bekämpfen, auf die vielfältigen Manipulationen aufmerksam zu machen, die zum Zwecke des Machterhalts betrieben werden. Und ob ich es will oder nicht, ob ich es beabsichtige oder nicht, auch bei de tempore wird Politik gemacht. Ob ich nun Filme bespreche oder Musik – ein Kommentator merkte letztens an, ich sei in den letzten Wochen recht klassiklastig gewesen -, ob ich Literatur bespreche, Sachbücher, oder Beiträge verfasse zu eigenwilligen Künstlern und ihre Sicht der Dinge, immer ist dies auch ein Stück Politik.
 
Ein kritischer mind, das Hinterfragen an sich, auch gesunde Skepsis (die freilich nicht in Zerstörung ausarten sollte) sind unabdingbar, wenn mensch sich jenseits von Mainstream und medialer Vorgaben, losgelöst von „Weißkittelsyndrom“ und Expertenhörigkeit ein eigenes Qualitätsbewußtsein, eine eigene Ethik und eine eigene Ästethik erarbeiten will; und ein solcher mind sprengt zwangsläufig seine Grenzen, der Horizont erweitert sich Stück um Stück, und dies bereichert das Dasein so ungemein, daß dadurch endlich auch der Begriff „Leben“ gerechtfertigt erscheint.
 
Und dieses Leben – körperlich wie auch geistig, intellektuell wie auch emotional – kann zwar immens erschwert, aber niemals mehr zerstört werden durch die Tagespolitik, durch soziale Ungerechtigkeit, durch korrupte Wirtschaft, durch Angstmacherei und gesellschaftliche Verwerfungen. Ich werde also auch in diesem Jahr diese Art der Politik bewußt fern halten aus diesem Blog, ohne hier eine Idylle aufbauen zu wollen – aber eine Oase in der Wüstenei sollte de tempore schon sein. Wenn mir das gelingt, bin ich zufrieden.
 
Frohes neues Jahr wünsche ich.
 

2 Kommentare

  1. aebby:

    Ich wünsche Dir auch ein gutes neues Jahr und möchte mich für diesen inspirierenden Text bedanken.

  2. antiferengi:

    der Zustand dieses Landes, der Zustand der Welt hat massiv mit dem Zustand der Herzen und des Intellekts der Menschen zu tun, und zwar der Menschen, die regieren, und der, die sich regieren lassen.
    Da würde ich jetzt gerne sehr viel zu schreiben, aber …. Ohne Worte, nur Zustimmung.
    Da schließ ich mich lieber Aebby an.

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