Frau Käßmann, der Krieg und die Kritik
Wer sich durch den obigen Titel an die Alliteration Kinder, Küche, Kirche erinnert fühlt, liegt gar nicht so weit daneben, denn ich bin der festen Überzeugung, daß die harsche und teils völlig überzogene Kritik an Frau Käßmanns Position zum Afghanistankrieg aus politischen und (leider auch) intellektuellen Kreisen aus genau jenem schlammigen Nährboden erwächst, den die Theatermacher Dario Fo und Franca Rame bereits vor Jahrzehnten u.a. in ihrem Stück „Nur Kinder, Küche, Kirche“ kritsch hinterfragten und teils persiflierten.
Aber ich möchte in diesem Beitrag nicht über die Theaterstücke schreiben, auch wenn sie nach wie vor aktueller sind, als manche Menschen wahrhaben möchten; in diesem Beitrag möchte ich vielmehr auf grundsätzliche Muster eingehen, die mir im Zusammenhang mit Frau Käßmann, den Umgang mit Afghanistan und der Kritik am Krieg auffallen. Es sind inhumane und demokratiefeindliche Muster, es sind Muster, die den sogenannten geistigen Fortschritt der Menschheit ernsthaft in Frage stellen.
Es gibt keinen gerechten Krieg
„Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes“, so lautet ein mehr oder weniger bekanntes Zitat. Es ist von Henry Miller, der lange Zeit in seinem Heimatland USA als pornografischer Autor gebrandmarkt wurde, obwohl er in erster Linie die verlogene Moral der bürgerlichen Gesellschaft aufs Korn nahm. Ob nun Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, dieses Zitat kennt, weiß ich nicht – ich bin jedoch sicher, daß sie diesen Ausspruch ohne Einschränkung bejahen würde.
Bereits zu Weihnachten übte sie deutliche Kritik an der Art und Weise des mentalen und politischen Umgangs mit dem Afghanistankrieg. Zu Recht machte sie darauf aufmerksam, daß das militärische den Vorrang bekommen habe, daß Deutschland nicht nur das drittgrößte Kontingent an Soldaten in Afghanistan stellen würde, sondern auch drittgrößer Rüstungsexporteur sei und somit auch noch an den Kriegen verdienen würde, die wir dann beklagen.
Aus christlicher Sicht seien die Geschehnisse in Afghanistan nicht zu rechtfertigen, denn es gebe keinen gerechten Krieg; das freigesetzte Gewaltpotential eines Krieges zerstöre alle, die daran beteiligt seien. Unangenehme Fakten, unangenehme Mahnungen; doch die Reaktion darauf hielt sich in Grenzen. In den Kommentarspalten der konservativen Online-Medien gab es allerdings bereits kritische Äußerungen. Die etablierten Medien, Politiker und sonstige „Amtsträger“ wagten sich jedoch erst aus der Deckung, als Käßmann in ihrer Predigt im Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche in Dresden ihre Mahnungen wiederholte und untermauerte.
Ich finde das umso erstaunlicher, da der Afghanistankrieg in der Predigt nur ein kleiner Bestandteil einer fundamentalen Kritik an den Zuständen in der Welt darstellt. Er wird in einer Passage von mehreren, die mit „Nichts ist gut“ beginnen, zur Sprache gebracht; neben dem Krieg werden Kinderarmut – Klimaproblematik - Die Angst, Depressionen zuzugeben - und anderes thematisiert; doch all dies geht unter, es entsteht der Eindruck, als würde Käßmanns Predigt aus nichts anderem als einer einzigen gewaltigen Kritik und Absage an den Bundeswehreinsatz in Afghanistan bestehen.
Käßmanns Kritiker sind unlauter
Allein deswegen müssen sich die Kritiker bereits das Prädikat der Unterlauterkeit ans Revers heften lassen, finde ich; denn die Kritik am Krieg bettet sich in einen Themenkomplex ein, der das Erschrecken über die Zustände in der Welt und das Erschrecken über die eigene Rolle in dieser „Atmosphäre der Gnadenlosigkeit“ beleuchtet. Es geht in der Predikt darum, zu erkennen, daß etwas in unserem Dasein entsetzlich falsch läuft; es geht darum, zu erkennen, daß Angst und Erschütterung eine existentielle Dimension angenommen haben, über die nicht mehr so einfach hinweggegangen werden sollte.
All das wird wohlweislich von den Kritikern der Predigt unterschlagen. Es ist eine Predigt, die sich natürlich mit dem weltlichen Dasein auseinandersetzt; es ist eine Predigt, die die Finger in Wunden legt, ohne konkrete Lösungsansätze zu präsentieren (was ja nun auch nicht die Aufgabe einer Predigt ist); es ist halt eine Predigt – und nicht die schlechteste. Ich habe sie gelesen, sie ist auch gar nicht so lang, hier der Link zur Predigt für alle, die sich ihre eigene Meinung dazu bilden möchten (öffnet sich in einem neuen Fenster).
Nun, ich bin Atheist; ich bin kein Fan der christlichen Kirchen (weder der katholischen noch der evangelischen); auch mir ist in den Sinn gekommen, ob hier nicht auch eine gehörige Portion PR mit hineinspielt, um der Kirche einige ihrer verlorengegangenen Schäfchen wieder zurückzuholen; es mag so sein – Fakt ist jedoch, daß Margot Käßmann im Grunde doch nur die Position vertritt, die die evangelische Kirche bereits in einer Denkschrift des Jahres 2007 definiert hat.
Darum verwundert es mich auch nicht, wenn Bischöfin Käßmann sich darüber verwundert zeigt, daß ihre Predigt und ihre inhaltlichen Positionen zum Thema Krieg im Allgemeinen und zum Krieg in Afghanistan im Besonderen so viel Aufregung verursachen. Und ich gebe ihr uneingeschränkt recht, wenn sie nicht müde wird, darauf hinzuweisen, daß die ethische Legitimation dieses Einsatzes in Frage steht, wenn der Vorrang des zivilen nicht mehr erkennbar ist. Denn eben dieses „zivile“ ist doch der argumentative Dreh- und Angelpunkt, den uns die Politiker immer um die Ohren hauen, wenn es darum geht, den Kampfeinsatz der Bundeswehr zu rechtfertigen.
Die Kriegsbefürworter sind noch verlogener
Ich habe noch sehr deutlich im Ohr, wie massiv und wie oft die kleinen Kopftuchmädchen (Thilo Sarrazins zynische Definition) und ihr Schulgang dafür herhalten müssen, um u.a. die Bombardierung von gestohlenen Tanklastzügen zu erklären, während sie in Berlin wohl offensichtlich nicht als Schulgängerinnen erwünscht sind. Mensch möge mir diesen Sarkasmus nachsehen, aber diese elende Doppelmoral, die da permanent aus dem Munde aller möglichen und unmöglichen Politiker (der CDU, CSU, SPD, FDP und auch die der Grünen leider!) abgesondert wird, ekelt mich mittlerweile doch sehr an.
Und damit wühle ich mich bereits tief in den Sumpf derer, die einsichtslos und kritikresistent den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan gutheißen und sich darüber echauffieren, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen werden, daß ihre Legitimation nicht nur fragwürdig geworden ist (wenn sie es nicht schon von jeher war), sondern die gesamte politische Zielsetzung, die damit einhergeht, auf den Prüfstand gestellt werden muß, wenn es darum geht, das Ganze realistisch einzuschätzen.
Ich erinnere mich gut, wie Kurt Beck ausgelacht worden ist, als er vor ein bis zwei Jahren den Vorschlag machte, mit den Taliban zu reden, statt die Lage noch mehr eskalieren zu lassen; heute wird Käßmann kritisiert und als unrealistisch abqualifiziert, weil sie ähnliches anregt – und ich bin überzeugt, daß Verteidigungsminister Guttenberg ganz dolle gelobt wird von den etablierten Medien, wenn er inhaltlich vergleichbares sagt. Doch das ist ein ganz anderes Thema, darum gehe ich darauf nun nicht weiter ein, obwohl es symptomatisch ist für das Versagen und den moralischen Niedergang der etablierten Medien in diesem Lande.
Es wurde Zeit, daß Ethik mal wieder als Kriterium genannt wird
Ich persönlich bin der Überzeugung, daß ich keiner Religion bedarf, um ethisch und moralisch denken, empfinden, reden und handeln zu können; es ist aber leider nun mal so, daß Ethik und Moral in diesem Staat kaum noch eine Rolle im öffentlichen Disput spielen; diese Kriterien sind weggedrängt und selbst in den Kirchen z.B. im sozialen Bereich (Hartz IV sei hier als Beispiel genannt) kaum mehr angewendet worden; und da bin ich – rein menschlich, als empathisches Wesen – bereits glücklich, wenn endlich einmal wieder jemand (eine Frau, Amtskirche, na so was!) daherkommt, und diese Kriterien zurück ins Spiel bringt.
Und ich denke, genau das ist es letztendlich, warum Frau Käßmann gerade von den Intellektuellen so arg kritisiert wird: sie sind kalt erwischt worden; sie sind kalt erwischt worden dabei, daß sie selbst ihren eigenen Anspruch verraten haben, so etwas tut natürlich weh, und nun bellen die getroffenen Hunde, wie z.B. einer der Chefs der Heinrich-Böll-Stiftung, Jürks oder Würgs, ich kann mir den Namen nicht merken und er ist mir ehrlich gesagt auch zu unwichtig, um ihn zu ergoogeln; es ist ein Armutszeugnis für das „Land der Dichter und Denker“, daß zunächst einmal Jahre vergehen, bis die Frage der Ethik überhaupt wieder aufgebracht wird, um dann zu allem Überdruß diesem Vorstoß auch noch eine Absage zu erteilen. Heinrich Böll würde dieser Type wohl sofort den Vorsitz entziehen, doch unsere Realpolitiker sind dazu nicht imstande.
Unsere Realpolitiker nehmen lieber diese „Atmosphäre der Gnadenlosigkeit“ als gegeben hin und wurschelten weiter herum, als daß sie auch nur im Traum auf den Gedanken kämen, einmal ihren eigenen Anteil daran zu hinterfragen und sich zu schämen; denn da gäbe es einiges, weshalb sie sich schämen könnten: immerhin unterstützen sie ein durch und durch korruptes (aber glücklicherweise prowestliches) System, um ein antiwestliches zu verhindern. Karsei und Konsorten konnten doch nur durch die militärische Hilfe und Präsenz der Nato-Einheiten so mächtig werden.
Und eine gehörige Portion Kolonialdenke und damit Hand in Hand gehender Rassismus lassen sich nun leider auch nicht leugnen; denn der westliche Lebensstil, das europäisch/amerikanische Verständnis von Kultur und Politik sollen hier den „rückständigen Barbaren“ aufgezwungen werden (ob sie es wollen oder nicht); doch kaum jemand der Verantwortlichen unterzog sich bislang der Mühe, sich einmal mit der Mentalität der Afghanen wirklich auseinanderzusetzen. Um die Menschen ging es nie.
Der zweite Teil meines Beitrags folgt im Lauf der nächsten Woche; dann werde ich einen Querbezug herstellen zu Avatar von James Cameron (oh ja, ich meine das todernst) und einen kleinen Exkurs darüber halten, warum ich der Ansicht bin, daß dieses Deutschland keine Demokratie mehr ist, sondern der Begriff des Neopatrimonialismus eine wesentlich treffendere Bezeichnung für das reale politische System ist, in dem wir uns seit geraumer Zeit befinden. Und ich werde ganz kurz darauf eingehen, warum ich zu Beginn dieses Jahres doch der Politik Raum gebe in meinem Blog, obwohl ich das eigentlich nicht wollte.


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Samstag, 23. Januar 2010 um 19:31
http://fletcher2.wordpress.com.....es-we-can/
Auch ich habe Frau Dr. Margot Käßmann kritisiert - aber genau aus der anderen Richtung - und bin immer noch sehr enttäuscht, weil keinerlei Reaktion, weder von evangelischer, noch katholischer Seite gekommen ist. Oder vielleicht doch? ;-)
Samstag, 23. Januar 2010 um 20:49
Vielen Dank für den Kommentar, nun dieser offene Brief ist sehr interessant, sehr wichtig und ich habe ihn gern gelesen (wenn in diesem Zusammenhang von “gern” gesprochen werden kann); ich vermute, daß da keine Reaktion kommen wird, denn das Problem, das beide Kirche hierzulande haben, ist, daß sie selbst Profiteur dieses Systems sind (incl. und besonders Hartz IV und 1EuroJobs betreffend, wo Caritas und Diakonie ordentlich mitmischen und abkassieren); mir persönlich ist es auch recht egal, wie glaubwürdig nun Frau Käßmann wirklich ist - wichtig ist für mich, daß endlich einmal Dinge wieder ausgesprochen werden, die zu lange nicht ausgesprochen worden sind, und weier wichtig ist für mich, die Reaktionen darauf zu sehen, um einen Geschmack dafür zu bekommen, wie verkommen die Stützen des Systems mittlerweile wirklich sind. Wenn Frau Käßmann die von ihr angesprochene Ethik selbst nicht so ganz erfüllen möge (was ich aber jetzt noch nicht abschätzen kann), so heißt das ja nicht, daß die Ethik, die sie einfordert, nicht sinnvoll wäre.
Samstag, 23. Januar 2010 um 22:45
Wenn ich sarkastisch wäre, würde ich zu der Dame sagen: “Netter Versuch!” Da ich aber Realist bin, sage ich: “Tja, netter Versuch - aber ich bezweifle die Aufrichtigkeit!” Wäre diese gegeben, müßten den Worten auch Taten folgen; und das unverzüglich. Denn: Wenn man anprangert, muß man auch Willens sein gegen den Strom zu schwimmen, um wieder zur Quelle des Anstandes und des Rechts zu kommen.
Gottes Mühlen mahlen ja bekanntlich langsam. Ob sein Bodenpersonal die Technik beherrscht, wird sich bald zeigen (müssen)!
Sonntag, 24. Januar 2010 um 11:35
Tja, Ethik als aussterbendes Wort.
Ganz unabhängig von Frau Käßmann hat mich die Reaktion der Tagespresse geschockt. “Darf sie den Einsatz in Afghanistan kritisieren”, oder “Hat sie das Recht dazu” wurde da gefragt.
Hoppla?
Das ist jetzt sicher schwer miteinander zu verbinden, aber es entspricht dem gängigen Zeitgeist, Themen immer dahin zu transportieren, wo sie dann nur noch vom entsprechenden Personal behandelt werden sollten/können. Also auch zu militärischen Einsätzen wird ein anderer Kontext geflissentlich vermieden, es sei denn das Thema wird innerhalb einer militärischen Debatte erledigt. Damit haben wir das gleiche Verhältnis; Ökonomie zu menschlichen Werten, - Krieg zu Ethik. (in dieser Reihenfolge). Alle die weder Ökonomie, noch militärische Einsätze (deshalb auch die Vermeidung des Wortes Krieg ) als Experten behandeln, werden gar nicht mehr ernst genommen. Mentale Separation. Das meinte ich mit Zeitgeist. Es hat für mich nicht mal etwas mit Religion zu tun. Sondern damit, das jemand außerhalb jeden gewohnten Kontextes plötzlich mitredet. Und das Wort Ethik, - ist immerhin noch vielen bekannt, aber deshalb auch extrem störend für geistige Separatisten.
Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung.
Sonntag, 24. Januar 2010 um 11:40
Sorry, - Berichtigung
Alle die weder Ökonomie, noch militärische Einsätze (deshalb auch die Vermeidung des Wortes Krieg ) “NICHT” als Experten behandeln, werden gar nicht mehr ernst genommen.
Sonntag, 24. Januar 2010 um 20:02
danke, bin gespannt auf die Fortsetzung, für einen ausführlicheren Kommentar fehlt mir leider die Zeit.
Montag, 25. Januar 2010 um 18:14
Sehr guter Artikel! :-)
Es ist wirklich dringend nötig, Denk-Kategorien wie Ethik und Moral auch wieder in politische Sachfragen mit einfließen zu lassen. Der pragmatische Sachzwang, der alles ökonomisiert, die Effizienz als Maßstab nimmt, behandelt Menschen wie Maschinen und Waren. Führende Politiker sollten sich mal wieder ernsthaft die Frage stellen, in welcher Welt sie/wir eigentlich leben wollen?
Samstag, 30. Januar 2010 um 15:23
[...] Kontext mit Afghanistan und Avatar im Titel zu suchen? Darum geht es in dieser Fortsetzung meines Beitrags von letztem Samstag. Den Schwerpunkt des heutigen Artikels werde ich auf die Ethik legen; ein Begriff, der heute im [...]