Maskenball im Hochgebirge - in memoriam Erich Kästner
Am 23. Februar würde Erich Kästner 111 Jahre alt. Zugegeben, keines dieser runden Jubiläen, die mit Zahlenwerten wie 25, 50, 100, 250 usw. operieren; ehrlich gesagt benötige ich auch nicht wirklich solcherlei Anlässe und Begründungen, um mich einem jener Menschen zu widmen, der mich beeindruckt hat und mit dazu beitrug, daß mein Leben die Richtung nahm, die es genommen hat.
Tatsächlich liegt der Anlaß im Wetter begründet und in der Jahreszeit. Denn hier in Konstanz ist Fasnacht, ein Karneval, der sich doch deutlich von dem im Ruhrgebiet unterscheidet, dem ich alljährlich aus dem Weg gegangen bin. Ich feiere zwar auch hier nicht die kalendarisch verordnete Fröhlichkeit, aber ich kann sie gelassener hinnehmen, da ich in dieser Gegend zumindest das Aufgreifen echter Tradition wahrnehmen kann. Nun, und dieses Jahr versinkt die Fasnacht im Schnee, denn der will einfach nicht aufhören zu fallen.
Da paßt so ein Gedicht wie „Maskenball im Hochgebirge“ schon sehr gut, finde ich. Das Gedicht hat auch genau jenen kästnertypischen beißenden Humor, der den einen Teil der Gedichte und kurzen Essays ausmacht und sich mit dem anderen Teil, dem der melancholischen und leisen Töne, beständig abwechselt. Worauf mensch sich jedoch immer verlassen kann bei den Gedichten von Kästner sind die scharfe, fast sezierende Beobachtungsgabe und die Ehrlichkeit in der Beschreibung von Zuständen, auch die seelischer Art.
Erich Kästner, Zeitkritiker und Moralist
Ich finde es bedauerlich, daß immer noch viel zu viele Menschen den Namen Erich Kästner lediglich mit Kinderbüchern und leichter Unterhaltung assoziieren.
Sicher sind „Knöpfchen und Anton“, „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Das doppelte Lottchen“ völlig zu recht Evergreens der Kinder- und Jugendliteratur; natürlich sind „Drei Männer im Schnee“ und „Der kleine Grenzverkehr“ wunderschöne Erzählungen; doch Erich Kästner hat sich auch als Kritiker seiner Zeit betätigt, gar nicht so sehr viel anders als bspw. Kurt Tucholsky, vielleicht ein bißchen lyrischer und leiser, und wohl auch nicht so sehr dem Tagesgeschehen zugewandt, mag sein.
Doch seine Gedichte, die er selbst „Gebrauchsgedichte“ genannt hat und von denen viele aus den 1920er bis 1950er Jahren stammen, sind auch heute noch lesenswert und mitunter erstaunlich aktuell – sofern es einen erstaunen kann, wie wenig sich anscheinend in den Herzen und Köpfen der Menschen ändert, und wie oft sie auf ein- und dieselben Lügner und Gauner hereinzufallen scheinen, mögen sie nun Hitler oder Honecker, Kohl oder Strauß, Schröder, Merkel oder Westerwelle heißen oder Industrielle und Bankster sein.
Wer z.B. die Gedichtsammlung „Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke“ zur Hand nimmt, die erstmals 1936 in der Schweiz erschien (denn im nationalsozialistischen Deutschland hatte Kästner seit 1933 Publikationsverbot), findet beim Stöbern mühelos immer wieder Gedichtzeilen, die Zustände beschreiben, die damals wie heute immer noch die gleichen sind. Kostproben gefällig?
Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug.
Und viele im falschen Coupè.
(aus: Das Eisenbahngleichnis)
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt,
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur 30. Etage.
…
Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
…
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
(aus: Entwicklung der Menschheit)
Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer!
Drei Schachteln zwanzig!
Vater kriegt zehn Mark Unterstützung
und Mutter ein kleines Gesicht.
…
Mit braunen und schwarzen Schnürsenkeln
verdient man natürlich mehr.
Doch da brauchte ich erst mal drei Mark.
Und wo nehm ich die her?
Streichhölzer! Braune und schwarze Streichhölzer!
Drei Paar zwanzig…
(aus: Der Streichholzjunge)
Erich Kästner ist auch ein Meister der Überschriften. Alleine die Betitelung der Gedichte, die in diesem Band versammelt sind, lassen oft unwillkürlich aufmerken, ob „Sachliche Romanze“, „Vornehme Leute, 1200 Meter hoch“, „Monolog mit verteilten Rollen“, „Selbstmord im Familienbad“ oder auch „Ganz vergebliches Gelächter“ - häufig wird bereits im Titel ganz offen die Stimmungslage benannt, in der das Gedicht daherkommt.
Kästner-Gedichte eignen sich sehr gut zur Vertonung
Auch „Maskenball im Hochgebirge“ entstammt dieser Sammlung. Wie schon gesagt, es paßt ganz gut in die Zeit und auch zum Wetter, und es ist eines der drei Gedichte dieses Bandes, die ich vertont habe. Diese Arbeiten wiederum sind mittlerweile auch schon gut 20 Jahre alt. Und die Gedichte entdeckte ich durch ein anderes Gedicht, das zuvor vertont wurde, die „Sachliche Romanze“, interpretiert von Hermann van Veen (dessen Live-Alben ich übrigens jedem empfehlen kann, der Liedermacher, Entertainer, Clowns und wirklich gute Musik mag).
Dieser Interpretation habe ich es zu verdanken, daß ich den Lyriker in Erich Kästner kennenlernte, das war Mitte der 1980er. Ende der 1980er hatte ich mir zwölf Gedichte ausgeguckt, die ich vertonen wollte – auf eine Weise, die es möglich machen sollte, diese Stücke auch mit einer kleinen Combo live auf der Bühne vortragen zu können, mit einfachster Instrumentierung.
Letztendlich habe ich es geschafft, drei Gedichte so zu vertonen, daß ich damit zufrieden bin. Bei den übrigen waren die musikalischen Ideen entweder nicht fundiert genug, gefielen mir nicht oder gingen sogar voll daneben; dazu kam dann irgendwann akuter Zeitmangel hinzu, und so starb diese Idee heimlich, still und leise den Gnadentod, so daß eben lediglich drei Aufnahmen existieren: „Maskenball im Hochgebirge“, „Gewisse Ehepaare“ und „Goldne Jugendzeit“ (von Gesang bis zu den Instrumenten habe ich da alles in Eigenregie gemacht).
Ich beabsichtige, in den nächsten Wochen noch einige Beiträge mehr zu Erich Kästner zu schreiben, unter anderem möchte ich dann den Roman „Fabian. Geschichte eines Moralisten“ besprechen und empfehlen, denn in diesem Roman Ende der 1920er Jahre schildert Kästner das nahende Ende der Weimarer Republik und das Aufkommen der Nazis und macht über seinen Hauptprotagonisten Fabian eben auch keinen Hehl daraus, was er davon hält. Das Schreib- und Publikationsverbot hat Kästner nicht zuletzt eben auch diesem Roman zu verdanken.
Auch mit dem Lyriker und Essayisten Kästner werde ich mich noch beschäftigen, denn unmittelbar nach Kriegsende und dem Zusammenbruch des 3. Reiches publizierte er wieder und hielt so manchem Deutschen unangenehmerweise den Spiegel vor, zu lesen unter anderem in den Ausgaben „Der tägliche Kram, Chansons und Prosa 1945 – 1948“ und „Die kleine Freiheit, Chansons und Prosa 1949 – 1952“. Tja, und die beiden anderen Vertonungen werde ich dann in diesen Kontexten sicher auch noch hier einstellen.
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Maskenball im Hochgebirge, 4:08 Minuten, MP3, 160kb


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Montag, 15. Februar 2010 um 18:21
Ich gehöre zu denen, die die Gedichte von Kästner nicht so gut kennen. Die Vertonung des Maskenballs ist klasse … es kommt ein Hauch lasziver Ironie über … bravo.
Dienstag, 23. Februar 2010 um 16:52
[...] Kästners Geburtstag – würde er noch leben, wäre er heute 111 Jahre alt. In meinem ersten Beitrag über Kästner hatte ich geschrieben, daß ich es sehr bedauerlich finde, daß [...]