Erich Kästner – der tägliche Kram (Teil 1)
Heute ist Erich Kästners Geburtstag – würde er noch leben, wäre er heute 111 Jahre alt. In meinem ersten Beitrag über Kästner hatte ich geschrieben, daß ich es sehr bedauerlich finde, daß dieser Autor fast ausschließlich mit Kinderbüchern und seichteren Unterhaltungsromanen in Erinnerung ist und leider weniger mit seinen Gedichten, dem Roman „Fabian“ und den Schriften, die von ihm nach 1945 erschienen sind.
Darum möchte ich in zwei Beiträgen auf zwei Bücher aufmerksam machen, die eine Fundgrube für jeden sind, der etwas Verläßliches über die unmittelbare Zeit nach dem Zusammenbruchs des Nationalsozialistischen Deutschlands erfahren will: „Der tägliche Kram – Chansons und Prosa von 1945 – 1948“ und „Die kleine Freiheit – Chansons und Prosa von 1949 – 1952“. Zuvor allerdings gibt es noch einen kurzen Abriß zu Erich Kästners (Über-) Leben von 1933 bis 1945, zum besseren Verständnis.
Vier Gedichtbände bis zum Jahr 1933
Bis 1933 hatte Erich Kästner neben Kinderromanen und Filmbearbeitungen derselben, neben dem Roman „Fabian – Geschichte eines Moralisten“ (1931) und einem Hörspiel, vier Gedichtbände veröffentlicht: „Herz auf Taille“ (1928), „Lärm im Spiegel“ (1929), „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930) und „Gesang zwischen den Stühlen“ (1932).
Im letztgenannten Band findet sich ein Gedicht von Kästner, das seine Haltung zum NS-Regime deutlich zum Ausdruck bringt, daher möchte ich es nun zitieren:
Das Führerproblem, genetisch betrachtet
Als Gott am ersten Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut,
da rieb er sich vergnügt die Hände.
Ihn packte eine Art von Übermut.
Er blickte stolz auf seine Erde
und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen.
Da kam aus Deutschland die Beschwerde:
„Du hast versäumt, uns Führer zu erschaffen!“
Gott war bestüzt. Man kann’s verstehn.
„Mein liebes deutsches Volk“, schrieb er zurück,
„es muß halt ohne Führer gehen.
Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.“
Nun standen wir mit ohne da,
der Weltgeschichte freundlichst überlassen.
Und: Alles, was seitdem geschah,
ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.
Freilich hatte Erich Kästner zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, welche Greueltaten die Nationalsozialisten noch verüben würden – doch die Menschen, die aufgrund egoistischer Motive und durch Dummheit, Bequemlichkeit, Desinteresse an der Politik und durch Verblendung die Machtergreifung der Nazis erst ermöglicht hatten, die hatten an Kästner einen, der ihnen den Spiegel vorhielt, auch als sie alle nichts mehr davon wissen wollten, nach 1945.
In seiner ersten Buchveröffentlichung in Deutschland nach dem Zusammenbruch des 3. Reichs, dem Band „Bei Durchsicht meiner Bücher“, findet sich dieses Gedicht in der Auswahl der Gedichte zur Wiederveröffentlichung, die er getroffen hatte. Das kam sicher nicht von ungefähr. Als die Nazis an die Macht kamen und nach dem Reichstagsbrand freie Bahn hatten zum Umbau der Gesellschaft in Deutschland, befand sich Kästner gerade in Zürich. Obwohl ihm Kollegen, Freunde und andere gutmeinende Menschen rieten, nicht nach Deutschland zurückzukehren, tat er es.
Einer von 24
Im Mai 1933 war sein Name einer von 24 Namen, „mit denen der Minister für literarische Feuerbestattung seinen Haß artikulierte“ (Kästner 1957), und das bedeutete Publikationsverbot in Deutschland. Kästner wurde natürlich unter Beobachtung gestellt, zwei mal verhaftet und konnte sich finanziell nur deshalb über Wasser halten, weil ihm erlaubt wurde, im Ausland zu veröffentlichen (was dem Regime gutes Geld in Form von Tantiemen und Devisen einbrachte!).
„Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“, der 1936 in der Schweiz erschien, enthielt infolgedessen nur unpolitische und aus Sicht des Regimes unbedenkliche Gedichte; auch die Romane Kästners waren dementsprechend harmlos (er veröffentlichte im Ausland zwischen 1934 und 1945 insgesamt neben dem o.g. Gedicht-Auswahlband zwei Kinderromane und drei Erwachsenenromane, darunter auch „Drei Männer im Schnee“). Außerdem verfaßte er unter Pseudonym das Drehbuch für den Münchhausen-Film mit Hans Albers, der mitten im Krieg die Menschen bei Laune halten sollte.
Kurz vor Zusammenbruch des 3. Reichs schleuste ihn ein befreundeter Filmemacher aus Berlin raus, nach Tirol, das Ende des Krieges erlebte Kästner in München. Aus diesen Zeiten stammt sein erst 1961 veröffentlichtes Tagebuch „Notabene 45“, das den Wahnsinn eines heruntergekommen Landes und Volkes mit sehr genauer Beobachtungsgabe noch einmal aufleben läßt.
Kästner war nicht emigriert, er blieb in Deutschland, seiner Mutter wegen, und um Augenzeuge der kommenden Greuel zu sein. Er wollte den Roman der Nazidiktatur schreiben (was er freilich nicht getan hat – doch „Notabene 45“ ist „Ersatz“ genug), und er wollte dabei gewesen sein, als zukünftiger Ankläger.
Die ersten Jahre nach dem Zusamenbruchs des 3. Reichs
Nach Kriegsende wurde aus dem Ankläger kein Verurteilender, sondern eher ein Erinnerer und Mahner, genutzt hat es nicht viel, denn Autoren wie Erich Kästner, die den Menschen den Spiegel vorhalten mit Worten wie: „…wir müssen der Vergangenheit ins Gesicht sehen. Es ist ein Medusengesicht, und wir sind ein vergeßliches Volk… Die Vergangenheit muß reden, und wir müssen zuhören…“ waren und sind nie beliebt und werden es auch niemals sein.
Und so ist es natürlich geradezu ironisch und selbsterklärend, daß nicht der Erich Kästner erinnert wird, der uns an die zwölf dunkelsten und widerlichsten Jahre in der Geschichte Deutschlands gemahnt und nach 1945 vorführt, wie die Menschen versuchen, sich ihrer Verantwortung zu entziehen, und welch skurrile Dinge in diesem Zuge passieren – sondern der nette, unterhaltsame, positive Erich Kästner, mit den hübschen Romanen und Kinderbüchern.
Der Erich Kästner der Jahre 1945 bis 1956 (da erschien „Die Schule der Diktatoren“, ein Bühnenstück, in dem Kästner deutlich zum Ausdruck bringt, daß Diktatoren nichts weiter sind als Marionetten, austauschbar, fremdgesteuert; und daß Diktaturen immer und immer wieder mit den gleichen Mechanismen agieren, auf die die Menschen seltsamerweise immer wieder aufs Neue hereinfallen) ist nämlich ein Unbequemer, einer, der Finger in Wunden legt und mit seinen Beiträgen für Magazine, Zeitschriften und das Kabarett beständig die unausgesprochene Frage stellt: Wie konnte das passieren? Warum habt Ihr da alle so kritiklos mitgemacht? Warum verdrängt Ihr das nun?
Der tägliche Kram ist manchmal wichtiger als das hehre Ideal
In „Der tägliche Kram“ schildert er u.a., warum er sich hat breitschlagen lassen, als Redakteur zu arbeiten, anstatt sich endlich wieder dem Schriftstellern zu widmen, was ihm zwölf Jahre lang verboten gewesen war; er erinnert an solche Perfiditäten wie „offene Rechnungen“, die sich auf Hinrichtungen beziehen, die das Regime den Hinterbliebenen in Rechnung stellte; es findet sich die Forderung nach einer neuen Geschichtsschreibung, die nicht mehr machthungrige Könige huldigt und falschen Heldenmut begünstigt; er beschreibt, wie mit der „Entnazifizierung“ umgegangen wird und vieles mehr – es ist mitunter sehr entlarvend, wie wenig Menschen bereit sind, sich zu ändern und weiterzuentwickeln.
Am Schluß des Bands gibt’s noch eine kurze wahre Geschichte, die alles auf den Punkt bringt. Zu Dreharbeiten wurden 1948 für Dreharbeiten an einem Film in Tirol Statisten gesucht, die SS-Schergen spielen sollten, die einen Bus durchsuchen. Da der Job gut bezahlt war fanden sich diese Statisten schnell, auch die Statistenrollen diverser Businsassen waren rasch besetzt. Am Ende des Drehs blieb ein alter Herr wie paralysiert im Bus sitzen, weil er vor Schreck nicht hatte aussteigen können, und der Regisseur versuchte, den Mann zu beruhigen.
„Wir drehen einen zeitnahen Film, wissen Sie. Dazu braucht man SS-Männer. Die Szene, die Sie eben erlebt haben, hat weder mit dem Film noch mit der Wirklichkeit etwas zu tun…die Buam sind Lausbuam, sie sind harmlose Hirten und Skilehrer aus dem Dorf hier.“ Doch der alte Mann erwiderte: „Ich habe in dieser Gegend öfter mit der SS zu tun gehabt, Herr Regisseur. Sie haben gut ausgewählt, Herr Regisseur. Es sind…dieselben!“
Im zweiten Teil stelle ich dann „Die kleine Freiheit“ vor, in der sich Erich Kästner mit der noch jungen Bundesrepublik beschäftigt – eine bitterböse Analyse.
Zum Ende des heutigen Beitrags, wie auch schon beim vorherigen Artikel zu Erich Kästner, gibt’s nun noch eine Vertonung eines Gedichts (mein zweites Kästner-Musikstück).
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Gewisse Ehepaare, 4:46 Minuten, MP3, 160kb


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Dienstag, 23. Februar 2010 um 16:54
[...] so manchem Deutschen unangenehmerweise den Spiegel vor, zu lesen unter anderem in den Ausgaben „Der tägliche Kram, Chansons und Prosa 1945 – 1948“ und „Die kleine Freiheit, Chansons und Prosa 1949 – 1952“. Tja, und die beiden anderen [...]
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