Erich Kästner - die kleine Freiheit (Teil 2)
Hatte ich in meinem letzten Beitrag zu Erich Kästner den Fokus auf seine Chansons und Prosa der Jahre 1945 bis 1948 gelegt, die im Bändchen „Der tägliche Kram“ zusammengefaßt sind, so möchte ich heute „Die kleine Freiheit“ besprechen, die Chansons und Prosa der Jahre 1949 bis 1952 enthält und die Entstehung und allerersten Jahre der Bundesrepublik dokumentiert – aus der Sicht eines Moralisten natürlich, der seinen Landsleuten den (schon damals) dringend benötigten Spiegel vorhält.
Vor nicht allzulanger Zeit haben wir 60 Jahre Grundgesetz gefeiert (na ja, im Groben), in einer Phase, in der unsere Politiker sich als ärgste Feinde eben dieses Grundgesetzes generieren, denn wie sollte es anders zu erklären sein, daß das Bundesverfassungsgericht in schöner Regelmäßigkeit Gesetze einkassiert, weil sie gegen das Grundgesetz verstoßen? Erich Kästners Schriften der frühen Jahre der Bundesrepublik lassen insofern aufmerken, daß es wohl schon von Beginn an Politikersport war, das Grundgesetz auszuhöhlen, kaum daß es verabschiedet war.
60 Jahre alte Texte, die auch das heute widerspiegeln
Manche Texte des Bandes „Die kleine Freiheit“ könnten mit minimalen Änderungen heute erneut veröffentlicht werden, und kaum einer würde merken, daß diese Texte bereits runde 60 Jahre auf dem Buckel haben. So erschien Anfang 1950 ein Artikel von Kästner in der Münchener Illustrierten, in der er vor einem von den Politikern geplanten „Schmutz- und Schundgesetz“ warnt, da dieses eigentlich der Beschneidung der Freiheit der Kunst diene. Und schon damals sah sich Kästner genötigt, darauf hinzuweisen, daß manche Themen anscheinend nur dazu dienen, von wesentlicheren Problemen abzulenken, da man für diese Probleme keine Lösungen anzubieten hat.
Und zu den Politikern, von ihm „unsere, durch öffentliche Wahlen bestellten Vorturner“ genannt, wußte er schon damals zu sagen:
„Wir hatten gemeint, sie kehrten ihre Gesichter der Zukunft zu. Das war ein fundamentaler Irrtum gewesen. Was wir für Gesichter gehalten hatten, waren Masken. Die Gesichter selber blickten sehnsüchtig in die Vergangenheit. Dort leuchteten ihre Ideale, und dort winkten die Geschäfte.“
Dieser Ausspruch könnte von heute sein, so sehr stimmt er (wieder), dabei konnte er damals nun wirklich keine Ahnung haben von unseren jetzigen Regierungsparteien.
Auch die Mahnung an die Publizisten und das Publikum seiner Zeit könnte heute ohne jedwede Änderung neu abgedruckt werden:
„Die einen können nicht mehr schreiben. Die anderen können nicht mehr lesen. (…) Ehrlichkeit und Verstand, Mut, Talent und kaltes Feuer, noch dazu in Personalunion, wie selten sind sie geworden!“
Und er merkt an, daß wirklich kritische Geister heute am Spieß gegrillt würden, würden sie Mißstände tatsächlich beim Namen nennen und anprangern. Da fällt mir als heutiges Pendant sofort das Krakeel ums „Derblecken“ ein. Eine Schande.
Auch bei Texten, die sich ganz und gar auf bestimmte Vorgänge bestimmter Zeitabschnitte beziehen, lassen sich mitunter aktuelle Bezüge herstellen. So findet sich im Band ein solidarischer Brief von Kästner an Freiburger Studenten, die mit Hilfe einer Demonstration vergeblich zu verhindern suchten, daß der einsichts- und reuelose Regisseur des üblen Nazi-Propagada-Films „Jud Süß“, Veit Harlan, ohne jede Einschränkung seinen Beruf weiter ausüben und neue Filme machen durfte – spannend zu lesen vor dem Hintergrund der Verfilmung um diesen Film, die vor wenigen Wochen in Berlin Premiere hatte.
Erich Kästner selbst schreibt im Vorwort, daß er „Die kleine Freiheit“ als eine Art Fortsetzung von „Der tägliche Kram“ sieht, weil aus der großen Freiheit nichts geworden war, da sie mit Hilfe der Währungsreform verkauft worden sei. Allerdings finden sich in diesem Band entschieden mehr Sketche und Bühnenstücke als im vorherigen, da das 1951 gegründete Kabarett gleichen Namens ungleich produktiver war als die vorhergehende Schaubühne, die übrigens laut Kästner nach nur knapp drei Jahren (1945 – 1948) eben an den Folgen der Währungsreform „unsanft entschlafen“ war.
Kunst und Kultur sind Schwerpunkte dieses Bandes
Zugleich sind – anders als bei „Der tägliche Kram“ – Beiträge zu Kultur, Kunst und die Literatur überproportional vertreten. Auch daran läßt sich erkennen, wie rasch das reine „Überleben“ überwunden wurde und ein sogenanntes gesellschaftliches Leben mit allem, was dazu gehört, bereits seit 1949 wieder Einzug hielt. So macht sich Erich Kästner zu diesen Zeiten schon erste Gedanken darüber, wie den nachfolgenden Generationen überhaupt Kunst und Kultur vermittelt werden kann angesichts des Kahlschlags des nationalsozialistischen Regimes und des Desinteresses weiter Teile der Bevölkerung an derlei Problemen.
Es finden sich in diesem Buch also Texte zur Problematik der exilierten Schriftsteller, die in Deutschland kaum noch jemand kennt; er macht sich Gedanken darüber, daß die „moderne Kunst“, bestehend aus Zwölftonmusik, abstrakter Malerei u.ä. – die nun, weil unbelastet, ihren Siegeszug antreten kann und wird – durchaus zu einer Krise des deutschen Kulturlebens führen kann, wenn sich keine „Transformatoren“ finden, die diese Kunst vermittelnd begleiten (er sah also bereits früh das Probleme der drohenden Abspaltung der Kunst vom Leben ins Elitäre); er spöttelt über „intuitive und esoterische“ Dichterlinge, die auf ihre handwerkliche Unkenntnis auch noch stolz sind.
Es finden sich auch essayistische Texte zum Schreiben selbst, die absolut lesenswert sind. So konstatiert Kästner im Beitrag „Die Abenteuer des Schriftstellers“:
„Der Schriftsteller verwandelt Vorstellungen in Worte. Der Leser verwandelt Worte in Vorstellungen. Inwieweit diese und jene Vorstellungen einander ähneln, ist unkontrollierbar. Das mag bedauerlich, kann aber auch ein Glück sein.“
Über das „Goethe-Jahr“ 1949 macht er sich trefflich lustig, da er von Anfang an wußte, daß dieses „klassische 200-Jahr-Derby“ zu einem „olympischen Flachrennen“ verkommen würde. Tja, und heute? Heute betreibt unsere Kulturszene derartiges immer noch. Viel geändert hat sich wahrlich nicht seit diesen beiden Kästner-Bänden von 1945 bis 1952. Traurig, aber wahr.
Zum Schluß des Bandes schreibt Erich Kästner über Erich Kästner und endet mit einer „unliterarischen Antwort“:
„Woran arbeiten Sie?“ fragt ihr.
„An einem Roman?“ An mir.
Zum Schluß eine durchaus erschreckende Feststellung
Und so manches Mal während des Lesens in den beiden Büchern beschleicht mich das Gefühl, daß es einfach zu wenige Menschen sind, denen nachgesagt werden könnte, daß sie ernsthaft an sich arbeiten; mag sein, daß Kästner seine Mahnungen und Warnungen in den Wind geschrieben hat; mag sein, daß seine Worte weitgehend ungehört verhallten; doch ich möchte diese Texte keinesfalls missen müssen, denn sie geben Aufschluß darüber, wie die Deutschen waren, wie sie sind und vermutlich immer sein werden.
Auch wenn heute „Die kleine Freiheit“ (zu maulen und zu schimpfen, wie Kästner im Vorwort schreibt) von mir besprochen wurde, möchte ich doch mit einem Text aus dem vorherigen Band „Der tägliche Kram“ meinen Artikel schließen, denn dessen Inhalte können durchaus als Programmatik für beide Bände verstanden werden – und für mich läßt sich diese Passage (die sich auf das Dritte Reich bezieht) locker auf das heutige Deutschland übertragen, was mich zu der erschreckenden Feststellung bringt: wir sind wohl beinahe wieder so weit.
„Das interessanteste und traurigste Buch, das über das dritte Reich geschrieben werden muß, wird sich mit der Verderbung des deutschen Charakters zu beschäftigen haben. Niemals in unserer Geschichte hat ein solcher Generalangriff auf die menschlichen Tugenden stattgefunden. Nie zuvor sind Eigenschaften wie Zivilcourage, Ehrlichkeit, Gesinnungstreue, Mitleid und Frömmigkeit so grausam und teuflisch bestraft, nie vorher sind Laster wie Roheit, Unterwürfigkeit, Käuflichkeit, Verrat und Dummheit so maßlos und so öffentlich belohnt worden.“
Und nun noch ein Gedicht aus den späten 1920er Jahren
Das war der dritte und letzte Artikel, der sich mit dem politisch engagierten Lyriker, Essayisten und Prosa-Autor Erich Kästner befaßt – ich hoffe, den einen oder die andere Leser(in) ein wenig neugierig auf den anderen Kästner gemacht zu haben, der leider weniger bekannt ist als der Kinderbuchautor. Der Roman „Fabian – Geschichte eines Moralisten“ werde ich zu einem späteren Zeitpunkt gesondert besprechen, doch bis dahin wird es noch eine Weile hin sein.
Es dürfte kein Problem sein, für kleines Geld an die besprochenen Bücher heranzukommen, sei es auf Flohmärkten, in Antiquariaten oder sogar als Neukauf in Buchläden – es lohnt sich. Zum Abschluß dieser dreiteiligen Reihe gibt es nun noch meine dritte und letzte Vertonung eines Kästner-Gedichts, wie versprochen.
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Goldene Jugendzeit, 5:03 Minuten, MP3, 160kb


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Samstag, 6. März 2010 um 14:53
[...] Herr Regisseur. Sie haben gut ausgewählt, Herr Regisseur. Es sind…dieselben!“ Im zweiten Teil stelle ich dann „Die kleine Freiheit“ vor, in der sich Erich Kästner mit der noch jungen [...]