Frühlingsbeginn – ein paar unmaßgebliche Gedanken
Vielleicht ist es wem aufgefallen, vielleicht auch nicht; seit meinem letzten Beitrag zu Erich Kästner sind rund zwei Wochen ins Land gezogen. Zwei Wochen, in denen ich wenig Zeit hatte und (leider) noch weniger Muße. Zwei Wochen, in denen nahezu sämtliche Jahreszeiten in raschem Wechsel von der Natur noch einmal durchgehechelt wurden – und nun ist Frühlingsanfang und es regnet.
Aber das macht nichts, denn an diesem Wochenende kann ich mal wieder durchatmen. Von der fehlenden Muße (zum Schreiben) einmal abgesehen hatte ich natürlich schon Zeit, um über gewisse Dinge nachzudenken. Zum Beispiel über dieses Blog hier. Letztes Jahr hatte ich ja recht konsequent mindestens einmal in der Woche einen Beitrag veröffentlicht, in diesem Jahr ist die Quote geringer. Darüberhinaus ist mir aufgefallen, daß sich die Politik doch noch – auf Umwegen – hineingeschlichen hat (mit Frau Käßmann, dem Afghanistankrieg, sogar mit Erich Kästner, was sich natürlich nicht ganz vermeiden ließ) – für mich Grund, eine Art Notbremse zu ziehen.
Natürlich werde ich das Blog weiterführen, natürlich werde ich weiter Beiträge schreiben – aber ich habe mir fest vorgenommen, der (Tages-)Politik keinen Raum zu geben. Denn was zur Zeit die Tagespolitik bestimmt, ist meines Erachtens weder kommentierbar, noch einer inhaltlichen Auseindersetzung würdig; was die Politik bestimmt sind samt und sonders Fälle für die Strafverfolgung; und wenn sich da nicht endlich etwas tut, wird sich keine Behörde wundern dürfen, wenn ich bei der Erwähnung des Wortes „Rechtsstaat“ in Verbindung mit dieser Republik zukünftig vor Lachen vom Stuhl fallen werde.
Ich falle nämlich lieber lachend vom Stuhl, als daß ich mich sinnlos aufrege – was hier in Tadelschund zur Zeit medial alles möglich ist erscheint mir so absurd, daß ich nicht gewillt bin, mich damit argumentativ auseinanderzusetzen. Das nutzt nämlich nichts, da die, die diese rassistischen und ethisch verkommenen Publikationen verbreiten und bei ihrer Verbreitung helfen, wissen, was sie da tun; es ist ihnen bewußt, daß sie damit Diskussionen anheizen, die eine noch tiefere soziale Spaltung in diesem Land heraufbeschwören. Da nutzen Argumente nichts. Da helfen nur konsequente Anwendung der Gesetze (also Strafverfolgung) und eine bewußte Weigerung der Auseinandersetzung, um diesen geistigen Müll nicht auch noch durch falsche Aufmerksamkeit aufzuwerten.
Verweigerung zur Diskussion heißt nicht Verweigerung zum Handeln
Was hier in diesem Land seit Wochen durch die Gazetten geistert ist jedoch auch symptomatisch für den mentalen Zustand, der dieses Land im Griff hat: notorische Förderung von Asozialität, Dekadenz, Rassismus, Inhumanität und Demokratiefeindlichkeit. Ich verweigere mich. Punkt. Ich verweigere mich, mit kriminellen Elementen über die Zukunft des Gemeinwesens zu debattieren. Ich verweigere mich, mit Rassisten zu disputieren. Ich verweigere mich, mit diesem selbsternannten elitären Gesindel überhaupt noch Worte auszutauschen.
Daß die Tagespolitik und ihre Folgen natürlich ins reale Leben hineinwirken ist mir klar, ich bin ja nicht dumm. Aber es ist absolut nicht nötig, daß dies in diesem Blog geschieht, das ich in meiner nicht gerade üppig zu bemessenden Freizeit mit Beiträgen füllen möchte, die meiner Vorstellung von Lebensqualität entsprechen – auch geistiger und emotionaler Lebensqualität. Daher werde ich zukünftig verstärkt darauf achten, daß der Ursprungsgedanke dieses Blogs nicht wegen meiner eigenen Unachtsamkeit durch Tagespolitik verschmutzt und somit seines eigentlichen Sinnes beraubt wird.
Das mag jenen nicht gefallen, die der Überzeugung sind, daß Politik wichtiger ist als alles andere; es mag manche dazu führen, dieses Blog links liegen zu lassen, aber das kümmert mich nicht. Meine Themen sind Kultur, der Mensch, das Geistesleben und die größeren Zusammenhänge und Sinn-Wirkungen – insofern wird Politik dort eine Rolle spielen, wo dies unvermeidbar ist (wie z.B. bei Erich Kästner oder Diamanda Galas, Egon Friedell u.ä.), ihr wird jedoch keine Hauptrolle zugestanden.
Denn über Tagespolitik brauche ich eigentlich nicht zu schreiben. Denn entweder beteilige ich mich und versuche, sie mitzugestalten, oder ich lasse es bleiben. Darüber zu schreiben wäre dann allerdings eher ein Nebeneffekt. Die Frage, ob dieser Nebeneffekt an sich überhaupt von wert ist und sein kann, muß an dieser Stelle nötigerweise unbeantwortet bleiben, da diese Frage jede(r) für sich allein beantworten muß.
Ein konkretes Beispiel aus Konstanz
Ich möchte ein letztes Beispiel anführen: unsere repräsentative Demokratie ist zu einer Parteiendemokratie verkommen, mit all den negativen Begleiterscheinungen, über die wir alle mehr oder weniger Bescheid wissen. Nun gibt es allerdings auf kommunaler Ebene durchaus noch direkte Mitwirkungsmöglichkeiten, z.B. durch Bürgerentscheide. Heute gibt es einen solchen hier in Konstanz. Die Bürger(innen) der Stadt haben die Möglichkeit, heute darüber abzustimmen, ob auf einem bestimmten Gelände am Ufer des Bodensees ein Konzert- und Kongreßzentrum gebaut wird oder nicht.
Der Gemeinderat spricht sich mehrheitlich dafür aus, es existiert ein konkreter Entwurf, die voraussichtlichen Kosten für das Projekt liegen auf dem Tisch, seit Monaten wird darüber öffentlich diskutiert. Das örtliche Schmierblatt bezieht natürlich eine „Pro“-Stellung, je honoriger der Bürger, desto eher tendiert er zum „Ja“, denn auch hier kann das „Elite“-Denken nicht ganz unberücksichtigt bleiben – dementsprechend finanzstark sind diejenigen, die unbedingt für dieses Haus sind und die Werbetrommel mit peinlichen Broschüren und Plakaten rühren.
Die Befürworter scheuen sich auch nicht, Menschen wie mich, die dagegen sind, als „kulturfeindlich“ zu betiteln (ich denke, allein die Existenz dieses Blogs straft solche Konsorten bereits Lügen, daher nehme ich das gelassen hin). Die Befürworter werden quasi öffentlichwirksam unterstützt durch lokalpolitische Größen, dem örtlichen Schmierblatt und sogenannten illustren Sympathie- und Leistungsträgern – alles in allem also nichts, was einen überraschen dürfte.
Natürlich haben sich auch die Gegner des Konzert- und Kongreßhauses zusammengerauft und positioniert. Natürlich ist da weniger Geld vorhanden, natürlich ist die öffentlichwirksame Unterstützung übersichtlicher, natürlich ist mehr persönliches Engagement erforderlich, um das Defizit an Geld auszugleichen. Nun, nach Monaten des Für und Wider, des Hin und Her, des Schlagabtausches via Medien, Infostände und Stadtratssitzungen zum Thema ist es heute so weit: die Bürger stimmen ab.
Damit der Bürgerentscheid verbindlich ist, muß ein sogenanntes Quorum von 25% der Wahlberechtigten erreicht werden. Davon ab reicht eine einfache Mehrheit dafür oder dagegen aus. Bei etwa 60 000 Wahlberechtigten in Konstanz müssen also mindestens etwa 15 000 Menschen heute ihre Stimme abgegeben, damit der Bürgerentscheid rechtlich bindend ist. Wer mir also bei dieser Sache versucht, mit dem dummen Spruch zu kommen „Ich als einzelner habe doch gar keinen Einfluß“ sollte sich zuvor zu seiner eigenen Sicherheit einen Helm aufziehen; wer heute seine Stimme nicht abgibt, hat in meinen Augen zukünftig jegliches Recht verwirkt, sich überhaupt noch zu diesem Thema zu äußern – egal auf welche Weise.
Hier gibt es sie also, die Möglichkeit der direkten Einflußnahme. Niemand kann nach all den Monaten der öffentlichen Auseinandersetzungen noch uninformiert sein; niemand hat eine Ausrede, wenn er nicht wählen geht. Und doch würde es mich nicht überraschen, sollte das Quorum nicht erreicht werden. Bequemlichkeit, Faulheit, Desinteresse – versteckt unter dem Deckmäntelchen der „Politikverdrossenheit“ lassen es nämlich erst zu, daß unsere Politiker sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Sie brauchen eben keine Sorge mehr zu haben, wirklich abgestraft oder mit der Neunschwänzigen durchs Dorf getrieben zu werden, wenn sie sich mal wieder auf Kosten der Allgemeinheit bereichern oder Steuergelder verplempern.
Wo beginnt meine Verantwortung? Und wo hört sie auf?
Ich engagiere mich also, ich gebe heute auch meine Stimme ab, ich tue also, was ich tun kann; der Rest liegt nicht in meinem Wirkungsfeld. Wenn nun das Quorum nicht erreicht wird oder aber eine Mehrheit für den Bau dieses Hauses ist, dann muß ich das akzeptieren. Es macht keinen Sinn, dann darüber zu lamentieren, damit zu hadern, mir dadurch das Leben vergällen zu lassen. Warum sollte ich also z.B. in diesem Blog dann noch darüber schreiben? Es würde keinerlei Nährwert besitzen, absolut keinen Sinn machen.
Daher wird es von mir zukünftig in diesem Blog keine Stellungnahme mehr geben zu tagespolitischen Ereignissen, zu irgendwelchen soziopathischen Ergüssen von sogenannten Wissenschaftlern, Politikern, Experten oder sonstigen „Leistungsträgern“, sondern mehr von dem, was mir das Leben lebenswert erscheinen läßt – trotz alledem. Ein gutes Musikalbum, ein beeindruckendes Gemälde, eine filigrane Skulptur ist für mich allemal mehr wert (auch im evolutionären Sinne) als die bedeutsamste tagespolitische Entscheidung. Und ich meine das, wie ich es sage.
Heute ist Frühlingsbeginn – und die Natur kümmert sich nicht um Politik, Kultur und sonstige menschliche Belange. Es hat aufgehört zu regnen, während ich hier schrieb. Ich bitte um Verständnis, wenn ich in den nächsten Wochen nicht mehr ganz so regelmäßig Beiträge veröffentliche – im Gegenzug verspreche ich, sie dafür mit inhaltlichem Mehrwert auszustatten. Ich wünsche allen einen wundervollen ersten kalendarischen Frühlingstag.


Beitrag weiterempfehlen
Sonntag, 21. März 2010 um 17:21
Kann dich gut verstehen. Wahrscheinlich ist es sogar der bessere Weg. Zeigen, das es andere Sachen gibt wie Ökonomie, Profit, Macht …
Bei mir ist auch die Luft weitestgehend draußen im Moment, und alles andere heißt nur noch Zynismus. Bevor ich dahin abfalle, komm ich lieber bei dir vorbei, und überzeug mich selber davon, das es noch Alternativen gibt.
Dir auch einen schönen Frühlingsanfang.
Montag, 22. März 2010 um 08:54
Ich kann Deine Einstellung auch gut nachvollziehen.
Noch habe ich Kraft und Energie mich über derartige Dinge “aufzuregen”. Ich finde es noch wichtig, diese Dinge zu thematisieren und kritische Debatten anzustoßen. Wenn wir es nicht machen, wer dann?
Den Rückzug ins private Schneckenhäuschen trete ich erst dann an, wenn meine Energie für sowas aufgebraucht ist.
Montag, 22. März 2010 um 17:42
Hallo ihr beiden. Dieses blog ist in der Tat mein “privates Schneckenhäuschen” und soll auch gar nix anderes sein.
Politisch aktiv bin ich ja nach wie vor, nur eben nicht mehr im web und so. In Konstanz mische ich hier und da auch weiterhin mit, nur nicht um jeden Preis und bei allem und jedem. Doch was soll ich darüber im web schreiben…
Ich habe aber noch eine erfreuliche Meldung zu machen: das Quorum wurde erreicht. Mehr als 52 % der Wahlberechtigten haben abgestimmt (mehr als bei den Kommunalwahlen), und es gab eine überwältigende Mehrheit für ein NEIN zu diesem Konzert- und Kongreßhaus. Und nun sind alle unsere abgehobenen Politfatzkes total betroffen (jedenfalls die, die meinten, sie würden die dumme Horde schon zum JA kriegen durch Gehirnwäsche und massiven Finanz-Werbe-Einsatz). Hier hat sich Demokratie endlich mal wieder bewährt und das Kämpfen hat sich gelohnt.