Abschied nehmen
Am Samstag, den 10. April, ist am Morgen zwischen 8 und 10 Uhr der „Chef“ gestorben. Höchstwahrscheinlich im Schlaf. Das Herz verweigerte einfach seinen Dienst. Es war wohl ein friedlicher, ein gnädiger Tod. Als ich ihn fand, lag er beinahe wie immer da, an seinem Lieblingsplatz der letzten Monate, unter meinem Schreibtisch.
Ich bin traurig, ich vermisse ihn. Beinahe vier Wochen sind seitdem vergangen und ich war außerstande, irgendetwas zu schreiben über Musik, Film, Literatur und all den anderen Dingen, mit denen ich mich sonst so gern beschäftige. 16 Jahre hat diese Katze mich durch mein Leben begleitet, das sich in diesen Jahren durch drei sehr verschiedene, wichtige Lebensabschnitte gekennzeichnet hat. Drei verschiedene Lebenspartner, drei verschiedene Städte. Aufbruch, Abbruch, Aufbruch, Abbruch, Zusammenbruch und neuer Aufbruch.
Mit ihm ist auch etwas von mir gegangen. Es bleibt ein leerer Fleck. Im Herzen, in der Seele. „Chef“ war mir näher als so mancher Mensch. Es gab eine Ebene des Zusammenlebens und des Miteinanders, die für Außenstehende nicht begreifbar ist. Es gab eine Kommunikation, die im Wesentlichen nonverbal war, und es gab eine Ehrlichkeit und Authenzität, die ich leider gar zu vielen Menschen, die ich kannte und mit denen ich zu tun hatte, nicht zubilligen kann.
Die Katze ist ein Raubtier. Natürlich eines der Raubtiere, die sich mit dem Menschen arrangiert haben, für die das Zusammenleben mit Menschen zumindest nicht ungewöhnlich ist. Es gibt Katzen – und ich habe durch „Chef“ einige kennenlernen dürfen -, die mit Menschen nichts am Hut haben. Menschen sind ihnen so fern wie mir als Mensch Mäuse oder Hirsche oder Käfer fern sind. Es gibt keinen Bezug.
Ich habe durch „Chef“ erfahren dürfen, daß es Grausamkeit in der Natur nicht gibt. Es ist eine moralische Wertung, eine menschengemachte. Die Katze jagt Mäuse (auch um sie zu essen), sie fängt und tötet Ratten, sie balgt sich mit anderen Katzen ums Revier. Vögel, Schmetterlinge und anderes Fluggetier erhält insofern Aufmerksamkeit von einer Katze, weil sich da etwas bewegt, und weil es gejagt und gefuttert werden könnte. Das ist so. Punkt.
Es gibt aber auch so etwas wie Solidarität unter Katzen, ich habe es miterleben dürfen, in eiskalten Wintern, wenn einer der Streuner bei uns hereinschaute und mit „Chef“ abklärte, daß er eine Weile in der warmen Küche bleiben und etwas vom Inhalt des Napfes abhaben konnte. Ich als eigentlicher Wohnungsbesitzer war für diesen Streuner beinahe gar nicht existent, es sei denn, als potentielle Gefahr. Am Anfang war das jedenfalls so. Doch das legte sich rasch. Bezug zueinander hatten wir trotzdem nicht, daher weiß ich den Bezug zu „Chef“ wertzuschätzen.
In 16 langen Jahren habe ich die Erfahrung machen dürfen, daß jede Katze eine unverwechselbare, nur einmalig auf der Welt existierende Persönlichkeit ist – was ja über den Menschen auch immer wieder gesagt wird, obwohl es mir schwer fällt, das zu verifizieren; auch das aus Erfahrung. Egoismus, so wie wir Menschen ihn verstehen, kennen Katzen nicht. Natürlich auch kein Mitgefühl. Ob ich Liebeskummer hatte, mich mit übler Durchfallgrippe durch die Wohnung schleppte, ob ich gut- oder miesgelaunt nach Hause kam – stets war es wichtig, daß der Napf gefüllt wird.
Ich denke, niemand sollte den Fehler begehen, eine Katze – oder überhaupt ein Tier, mit dem ein Miteinander (bei manchen wohl leider eher ein Nebeneinander) herrscht – mit menschlichen Maßstäben zu messen oder dem Tier gar menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Dankbarkeit gibt es nicht im Leben einer Katze, allerdings auch keinen Haß, kein Selbstmitleid und sonstige negative menschliche Eigenarten. Doch es gibt tatsächlich so etwas wie Zuneigung, denn es war „Chef“ schon wichtig, sich hier und da so seine Streicheleinheiten zu holen oder zu partizipieren. Katzen haben ein ausgeprägtes Feeling für Schwingungen – positive wie negative.
Katzen können sogar eitel sein. Wie sonst sollte es erklärbar sein, daß so mancher besonders elegant gemeinte Sprung schief ging, während „Chef“ wußte, daß ich hinsah – und so manche schwierige Akrobatiknummer ohne jede Anstrengung gemeistert wurde, wenn er sich unbeobachtet wähnte. „Chef“ hat sich für das Zusammenleben mit mir (und in den ersten Jahren mit meiner Ex-Frau) ebenso entschieden, wie ich mich für das Zusammenleben mit ihm. Eine Katze hat eine sehr ausgeprägte Psyche. Mag sein, sie verfügt nicht über Intellekt, oder über Ego (wie wir es verstehen), aber sie besitzt Bewußtsein.
Im letzten Jahr machte sich das Alter bemerkbar. Katzen verändern sich äußerlich so gut wie gar nicht, wenn sie altern. Es ist ihr abnehmender Bewegungsdrang, eine immer schwächer werdende Neugier, eine Art Fatalismus und die natürlich langsamer und sparsamer werdende Art der Bewegung, ein verstärktes Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe, eine Neigung zum Rückzug und gewisse Nachlässigkeiten beim Putzen und andere Details, die erkennen lassen, daß die Lebenskraft abnimmt und sich verbraucht.
Die Momente wurden seltener, in denen sich „Chef“ in den Vordergrund rückte, in denen er teil hatte an mir und meiner Lebenspartnerin. Das Bedürfnis nach Ruhe wuchs – gar nicht so sehr anders als bei vielen Menschen. Wir respektierten das. Auch wenn im Verlauf des letzten Jahres die Bindung dadurch zwangsläufig gelockert wurde – es gab Tage, da war ich in der Tat nichts weiter als der Dosenöffner – war „Chef“ präsent. Es ist ein seltsames Gefühl, einen Körper, den das Leben verlassen hat, zu berühren. Es bleibt eine Hülle. Es ist „Chef“ und es ist doch auch wieder nicht „Chef“. Es ist das, was zurückgelassen wird.
Die ersten Tage waren grauenvolle Tage. Ich mußte feststellen, daß ich längst nicht so willensstark bin, wie ich dachte. Ich fing wieder an zu rauchen (nach einem halben Jahr ohne Zigaretten), die Wohnung war merkwürdig still und leer. Sie ist es auch jetzt noch, doch langsam gewöhnen wir uns daran. Es fehlt etwas. Die Geräusche, das leise Tappsen der Tatzen, die über den Boden klackern, der katzentypische Geruch, das Maunzen und noch viele andere Dinge sind nun einfach nicht mehr da und werden es auch nie mehr sein. Aber das ist nur das mental greifbare. Es fehlt jedoch noch etwas viel wichtigeres. Die mit alldem verbundene spezifische Persönlichkeit, die unser Leben bereichert hat.
Mit „Chef“ ist ein Stück Bindung fort. Bindung, die von meiner Seite aus mit Leben gefüllt wurde, mit Emotionen, mit Gefühl, mit Sich-für-jemanden-verantwortlich-fühlen, mit Sich-Sorgen-machen und Sich-freuen-auf-einen-Weggefährten, dessen Anwesenheit so selbstverständlich geworden ist, daß der Gedanke an Abwesenheit graust. Die Trauer, die ich empfinde, ist natürlich eine egoistische, die des Verlassenwordenseins. Ich bin alt, reif und ehrlich genug, mir da nichts vorzumachen.
Und doch möchte ich sie weder vertreiben, noch gegen sie ankämpfen. Sie ist da, und sie hat ein Anrecht darauf, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Obwohl ich natürlich weiter meinen sogenannten Tagesgeschäften nachgehe (arbeiten, einkaufen, lesen, schlafen, und mit für mich interessanten Dingen mir die Zeit verbringend) ummantelt sie mich, auch wenn ich dies nach außen hin nicht zeige (ausgenommen meiner Lebensgefährtin).
Es ist ein Abschied, ein endgültiger Abschied. Und ich nehme ihn immer noch. Es ist aber auch ein Abschied von einem alten Leben, einem Leben, in dem ich gebunden war, da ich Verantwortung trug, freilich eine freiwillige, daher war sie nur in wenigen Phasen dieses Lebens eine Bürde. Es mag schwer verständlich sein, aber „Chef“s Tod hat mich emotional durchgerüttelt und dazu geführt, daß ich wieder ein bißchen wacher geworden bin. Denn die Beschränkungen gingen zugleich auch mit bequemen Routinen und vermeintlichen Sicherheiten einher, die mir gar nicht so bewußt waren. Besonders im letzten Jahr plätscherte vieles vor sich hin, der sogenannte lange ruhige Fluß des Daseins.
Und so befinde ich mich einmal mehr im Aufbruch, geistig und seelisch, auch wenn ich mich zur Zeit in einer Art Niemandsland befinde und mich ganz und gar nicht so fühle, als stünde ich mit beiden Beinen fest auf der Erde. In jedem Fall ist ein langer Lebensabschnitt für mich zu Ende gegangen, ein Lebensabschnitt, der 16 Jahre dauerte. Denn mit „Chef“ ist weitaus mehr gestorben, wenn vielleicht auch mit Verzögerung und wohl eher mit mittelbarer Auswirkung. Und ich meine das keineswegs in einem sentimentalen Sinne oder als Allegorie. Im Gegenteil, es ist sehr konkret und sehr real.
Wie es weitergehen, welche Auswirkungen es auf mein Leben haben wird, weiß ich noch nicht, doch ich spüre einfach das Verlangen, mein Leben neu auszurichten, mich von alten (liebgewonnenen? schal gewordenen? bis jetzt unhinterfragten?) Gewohnheiten zu trennen, Dinge über Bord zu werfen, loszulassen und mein angesammeltes Dasein zu entrümpeln, da ich viel zu viel mit mir herumschleppe. Und so weiß ich unter anderem auch noch nicht, wie ich dieses Blog zukünftig gestalten werde.
Die Beiträge zu Kunst und Kultur waren eine echte Labsal für mich, für meine Seele, meinen Geist, mein Selbst. Es gab eine Zeit, in der das unendlich wichtig war, um nicht zu verkümmern – doch zur Zeit verspüre ich wenig Neigung, damit auf diese Weise fortzufahren. Ich vermisse „Chef“ – alle andere ist mir tatsächlich sehr egal in diesen Wochen.
Ich bitte um Nachsicht und um Verständnis, daß ich die Kommentarfunktion deaktiviere, denn nach Austausch steht mir ebenfalls zur Zeit nicht der Sinn. Ich habe einfach nur dem Bedürfnis nachgegeben, das Blog in diesem einen Fall tatsächlich als Tagebuch zu nutzen. Und daß ich das getan habe tut mir gut, jenseits irgendwelcher Relevanz-Gedanken.


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