de tempore

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Editorial

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses weblog – oder Tagebuch, Journal, Magazin – ist ein privates und nichtkommerzielles blog, das aus der Liebe zur Sache ins Leben gerufen wurde. Ich erhebe weder Anspruch auf sogenannte „Professionalität“, noch auf „Neutralität“ oder „Objektivität“ – derlei Attribute lehne ich ab, da sie mit der Reflektionsweise des menschlichen Geistes schwerlich in Einklang zu bringen sind.

Und so ist bereits der Titel dieses weblogs für mich ein subjektiver: de tempore (nach der Zeit). Eigentlich aus dem Bereich der Kirchenmusik stammend, bedeutet de tempore folgendes:

 

de tempore-Gesänge (lat. = nach der Zeit), Gesänge nach den Kalender-Anlässen des Kirchenjahres ( wie z. B. Antiphonen, Responsorien, Hymnen); Gegensatz: die Gesänge, die während des ganzen Kirchenjahres die gleichen bleiben (wie z. B. das Meß-Ordinarium).

 

Nun gibt es aber eine objektive und eine subjektive Zeit, zudem wird von mir die Wendung nach der Zeit weniger formal, sondern eher inhaltlich aufgefaßt. Oder anders gesagt: das subjektive Empfinden, die persönlichen Stimmungen, die jeweilige Interessenslage geben den Ausschlag für Art und Ausrichtung der Beiträge – Empathie für den Gegenstand der Betrachtung spielt dabei in der Regel die wichtigste Rolle. Und da der Mensch ein Natur- und Kulturwesen ist, wird er natürlich auch den objektiven Zeitrahmen wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Tages- und Nachtzeit unterworfen sein.

Nach der Zeit bedeutet aber auch - durchaus wörtlich zu verstehen -, daß nicht Aktualität, Modeerscheinungen und Hypes ausschlaggebend für die Wahl der Themen sein werden, sondern ausschließlich die „Zeitlosigkeit“ der Werke, die hier vorgestellt und besprochen werden. Nicht alles, was die Zeit überdauert, ist gut – was jedoch rasch in Vergessenheit geraten ist, hat oft auch keine Substanz.

Ganz deutlich soll an dieser Stelle allerdings gesagt sein, daß ich jene mutwilligen Unterscheidungen zwischen „Hoch“- und „Unterhaltungsliteratur“, „E“- und „U“-Musik „künstlerisch wertvollen Filmen“ und „Genre-Kino“ und dergleichen für unsinnig halte und mich deshalb nicht einen Deut darum scheren werde. Viel entscheidender als solche „esoterischen“ = fachspezifischen und rein formalen (meist auch noch dogmatischen) Kriterien ist mir die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Intention, welche Motivation, welche treibende Kraft wirkt.

Ich glaube an die Beseeltheit der Natur, ich glaube an die Beseeltheit des Menschen und bin daher der Überzeugung, daß auch seine Werke über Beseeltheit verfügen. Daß so mancher Mensch seine Seele dem Erfolg oder dem Kommerz opfert, ändert nichts an dieser grundlegenden Überzeugung. Im Gegenteil: sie wird bestärkt, da solche Menschen in der Regel nicht (mehr) imstande sind, ihren Arbeiten Seele und spirit einzuhauchen. Die (evtl. zuvor vorhandene) Inspiration ist dann zur bloßen Attitüde verkommen und erschöpft sich meist in Redundanz und Epigonentum (man kann auch Nachahmer von sich selbst sein).

Und so ist es wohl leicht nachzuvollziehen, daß ich ausnahmslos über das schreibe, was mich bewegt, was irgendeinen Winkel meiner Psyche anspricht, was mich anrührt und herausfordert – oder (in selteneren Fällen) mich maßlos verärgert. Natürlich wird dies wertend sein, natürlich wird dies nicht vom persönlichen Geschmack zu trennen sein, natürlich wird dies nicht jedem zusagen – so ist das nun mal, wenn man Stellung bezieht. Ohne sich berühren zu lassen kann es keine Authentizität geben. Und ohne Authentizität ist Ehrlichkeit nicht denkbar.

Werde ich im Wesen nicht berührt, bleibe ich indifferent. Und das Geschreibsel, das daraus entspringt, ist mir zuwider. Ich mag derartiges nicht lesen und schon gar nicht selber verfassen. Es ist belanglos und langweilig und benutzt entweder Sachlichkeit zur Verbrämung dieser Tatsache (wozu dann eben auch noch der esoterische Formalismus des Standesdünkels bemüht wird), oder es gipfelt in jene unlauteren Totalverrisse, von denen die entsprechenden Schreiberlinge wohl meinen, daß ihnen das mehr Leser bringt. Nun, wer’s nötig hat…

Vielleicht ist das der tiefgreifendste Unterschied zwischen dem, was „da draußen“ nicht selten stattfindet und dem, was ich hier vorhabe. Wer dieses Editorial bis hierher gelesen hat wird wissen, was ich meine – und mich entweder aus dem Gedächtnis streichen oder aber bookmarken. Sei’s drum, ganz ehrlich.
 
Frank Dreyer
im Januar 2009 a. Z.
 

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